„Praibashii“ oder: Privacy eine westliche Erfindung?

Ich lese gerade in einem Buch über die Geschichte des Heims und seiner Innenarchitektur in Europa ab dem Mittelalter: Witold Rybczynski, Home. A Short History of an Idea (Penguin Books, 1987). Etwas verloren in einem Kapitel über den Mangel an Privatsphäre im mittelalterlichen Bürgerhaus diese Fußnote (S. 28):

The concept of privacy is also absent in many non-Western cultures, notably Japan. Lacking an indigenous word to describe this quality, the Japanese have adopted an English one — praibashii.

Irgendwelche Anthropologen oder Japanologen mitlesend, die diese wagemutige Behauptung bestätigen, widerlegen oder kommentieren wollen? Mir als Freund der Post-Privacy kommt jedes Argument gegen Privatsphäre als anthropologischer Konstante natürlich gelegen, und auch die Wikipedia meint (mit nur spärlicher Quellenangabe):

The concept is not universal and remained virtually unknown in some cultures until recent times.

Aber bisher ist mir das alles etwas dünn verfußnotet. Ich recherchiere gerade viel zur europäischen/westlichen Geschichte der Privatsphäre, und da gibt es durchaus so einige Titel zu. Aber wie sieht es mit anderen Kulturkreisen aus? Literatur-Empfehlungen?

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10 Antworten zu „Praibashii“ oder: Privacy eine westliche Erfindung?

  1. pandialo schreibt:

    naja, ich weiß nicht, ob das die japanische gesellschaft freier gemacht hat. ich bin da kein experte und will keiner kultur was unterstellen, aber die verhaltensnormen sind in japan meines wissens echt krass ausgeprägt, die norm sehr klar vorgeschrieben. wer sich dran hält, braucht keine privatsphäre. wer nicht, der gilt als unehrenhaft und geht dran kaputt.
    privatsphäre scheint tatsächlich eine bürgerlich-westliche sache zu sein, das macht sie aber nicht automatisch schlecht. ist sie doch mit der bürgerlichen schicht erstarkt, während der adel immer weiter an bedeutung verloren hat. für mich klingt das ziemlich nach befreiung.

  2. NielsK schreibt:

    Also erstmal: auf Basis eines Wortes sagen, dass es ein bestimmtes Konzept nicht gibt, ist imho ziemlicher Müll. Afaik gab es kein Wort für den Zungenkuss und trotzdem taten sie es. Btw. in Deutschland haben wir auch kein Wort für „privacy“. Privatsphäre weicht schließlich von der Bedeutung ab. Und soweit ich weiß ist das deutsche Wort „gemütlich“ auch nicht übersetzbar in andere Sprachen (comfortable ist z.B. etwas anderes)…trotzdem werden die Leute das Gefühl kennen.

    In Japan gibt’s das Konzept der zwei Gesichter (Tatemae (建前) und Honne (本音)). Tatemae ist das Gesicht, dass man nach außen zeigt und Honne steht für die wahren Gefühle und Ziele. Diese beiden sind ziemlich tief in der Kultur verwurzelt und es geht dabei darum, dass die inneren Gefühlen von den Erwartungen und den Zwängen der Gesellschaft abweichen können. Ggf. könnte das Konzept sogar noch stärker als „privacy“ sein, da es direkt in den Werten verwurzelt ist.

    Aber das sollte wohl der Ansatzpunkt sein, um deine Suche starten zu können. Google Scholar gibt mir da um die 1.000 Treffer

  3. GrandCru schreibt:

    „Privatsphäre“ als anthropologischer Konstante kann es vermutlich schon deshalb nicht geben, weil der Begriff nichts Konstantes beschreibt. Die Phänomenologie des Privaten ergibt auf jeden Fall historisch und kulturell eine sehr bunte Pallette, von räumlicher Privatheit über private Gedanken bis zu Privateigentum und „Privatsache“ etc … das sind ja alles völlig verschiedene Dinge, die nur unglückseligerweise mit dem gleichen Begriffsteil verbunden sind. Da darf man aber der Sprache nicht so einfach auf den Leim gehen, wenn man sauber denken will.

    Wenn die Japaner „privacy“ von den Briten übernommen haben, heißt das zunächst nur, dass ihnen dafür ein Wort fehlte oder dass sie dachten, das englische Wort würde etwas anderes bezeichnen als ein ähnlicher Begriff im Japanischen (ist ja der Hauptgrund für die Übernahme von Fremdworten, Unkenntnis der eigenen Sprache). Der Sachverhalt, dass es persönlich bestimmte Lebensbereiche gibt, die deutlich von den gemeinschaftlichen Lebensbereichen getrennt sind, kann trotzdem gegeben sein.

    Ich würde mich auf Debatten übers „Konstante“ und den „Menschen an und für sich“ aber sowieso nicht einlassen. Entscheidend ist, dass die menschlichen Gesellschaftsformen ständig in der Entwicklung sind und der Menschen nicht an eine Lebensform gebunden ist wie der Fuchs in seinem Bau. Selbst in sehr komplexen Gesellschaften, die z.B. 80 Millionen Menschen umfassen, passieren ja solche Weiterentwicklungen. Allerdings kannst du dir dafür jeden theoretischen Aufwand sparen, weil sich diese Entwicklungen eben nie aus irgendwessen Wunsch und Vorstellung ergeben haben, sondern aus dem „Sein“ heraus. Mit Marx zu sprechen, wäre es eine kleinbürgerliche Idee, dass sich die Gesellschaft durch ein gepflegtes Bewusstsein verändern ließe. Und überspitzt kann man sagen: Die Entwicklung der Gesellschaft geht immer mehr oder weniger einen Weg, den die Menschen nicht gewollt haben, wenn man sie vorher gefragt hätte bzw. wenn sie das vorher hätten wählen können. Mit der „post-privacy“ wird’s auch so gehen: Sollten wir sie vollumfänglich im Sinne der Abschaffung des Privaten bekommen, dann führt das vermutlich auch wieder zu Formen, die so keiner gewollt hat

  4. Martin schreibt:

    Passend zum Thema:
    Quora: Why is use of their real names not popular amongst Japanese Internet users?
    http://www.quora.com/Why-is-use-of-their-real-names-not-popular-amongst-Japanese-Internet-users

  5. Pingback: Lesenswerte Artikel 25. Februar 2011

  6. plomlompom schreibt:

    Vielen Dank schonmal für die vielen Anregungen. Liest sich so, als sei Rybczynskis Fußnote in der Knappheit ihres Schlusses etwas voreilig. Das für sich macht „privacy“ natürlich noch nicht zu einem Universal-Konzept. Wie sieht’s mit anderen Kulturen aus?

  7. BrumBrumBrum schreibt:

    Mich überrascht das auch nur wenig. Ich kann mich meinen Vorredner_innen nur anschließen.
    Würde aber auch „andere Kulturen“ noch weiter fassen.
    Was sagt denn dein Buch zu „Home“ über den Unterschied einer Kleinfamilie in ihren „eigenen vier Wänden“ in der (Groß-)stadt und einer bäuerlichen Sippe im Mehrgenerationenhaus auf dem Land? Kann mir vorstellen, dass das Konzept von „Privatsspähre“ sich da auch wesentlich unterscheidet. Interessant wäre sicherlich auch wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Bedeutung abhängig vom politischen System ist. Da würde ich auch unterschiede zwischen West und Ost Deutschland vermuten, wenn z.B. FKK im Osten beliebter ist als im Westen, obwohl man wahrscheinlich gegenüber den Behören im Osten viel stärker versucht hat eine Privatsspähre zu etablieren..

  8. plomlompom schreibt:

    BrumBrumBrum: Zur historischen Unterschiedlichkeit von westlichen (bzw. vor allem französischen) Familienhaushalten scheint mir eher „Geschichte der Kindheit“ von Philippe Aries der passende Titel (auch von „Home“ mehrfach referenziert). Dessen These hierzu grob vereinfacht:

    Der bürgerliche Kleinfamilienhaushalt als privater, intimer Familienraum ist eine sehr junge Erfindung. Vor vier bis sechs Jahrhunderten war man entweder arm — dann hauste man eng und finster, verbrachte das Leben am Besten draußen und verjagte ohne große Familiensentimentalität die Kinder so früh als möglich, mit sieben Jahren, in die Erwachsenen-Welt nach anderswo; keine häuslich-familiäre Heimeligkeit.

    Oder man gehörte zum bessergestellten Bürgertum und hatte in der Stadt ein großes Haus; das allerdings bestand dann vor allem aus großen Mehrzweck-Räumen bzw. Raum-Kaskaden öffentlichen Verkehrs, war genauso Wohn- wie Arbeits- bzw. Geschäftsort, beherbergte neben Blutsverwandten noch massig Diener und Lehrlinge und empfing ununterbrochen Gäste und Kunden. Hier war man nie allein, und vor allem nicht als familiäre Intimät.

    Erst mit dem 18. Jahrhundert triumphiert dann der Trend zu kleinen Räumen mit festem Mobiliar und persönlicher Zuordnung, verlegt die Bourgeoisie ihr gesellschaftliches und berufliches Leben nach anderswo; bis dann im 19. Jahrhundert, und nach Aussonderung auch der Dienerschaft, das eigene Haus begriffen wird als abzuschottender Bereich eigener Kleinfamilie mit eigener Intimität; „die eigenen vier Wände“.

  9. BrumBrumBrum schreibt:

    also verläuft die Entwicklung parallel zu Kapitalismus und Liberalismus.
    Wer sein eigener Herr ist braucht auch einen eigenen Raum?

  10. APohlke schreibt:

    Aries ist gut, ansonsten sollte man sich unter dem Gesichtspunkt unbedingt auch mal Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, ansehen. Ist immer noch ein echter Klassiker, wenn es um die historische Konstruktion des modernen westlichen Menschen geht. Daß der in der aktuellen Diskussion um Privatheit kaum auftaucht verwundert mich. So in den Achtziger Jahren war der mal furchtbar angesagt und gerade der Aspekt wie das, was wir als Privatsphäre meistens für allgemein menschlich halten noch vor ein paar hundert Jahren bzw. im nichtbürgerlichen Mileu überhaupt nicht die Norm war, wurde damals quasi in jeder Talkshow wiedergekäut. Das mal in Beziehung zu setzen zum aktuellen Verschwinden der Privatheit bzw. der Kritik daran, wäre ganz spannend. Das geht übrigens über den Aspekt der Privatheit hinaus. Elias untersucht in „Die höfische Gesellschaft“ auch die Bedeutung formalisierter Personalbeziehungen, die sich durchaus als interessante Gegenthese zur Kritik an den vielen Freunden auf Facebook lesen läßt, die ja gar nicht „wirklich“ „echte“ Freunde sind. Anders gesagt: Ist die Generation Internet zum Teil eifach den Normen von Privatheit und Intimität des klassischen Bürgertums entwachsen? Wenn man Elias ernst nimmt, kommt man dann zu dem Schluß, daß wir uns auf eine Gesellschaft zubewegen, wo es wieder weniger darauf ankommt, was man kann, und mehr auf das, wen man kennt. Dafür ließen sich durchaus Gründe anführen. Reizvoll finde ich dabei aber vor allem die daraus folgende Erkenntnis, daß die jüngeren Leute, die stolz darauf sind, 500 Freunde bei Facebook zu haben, mit denen sie peinliche Partybilder teilen, vermutlich nicht – wie Ältere oft meinen -blöd oder abgestumpft oder sozial minderbemittelt sind, sondern sich unter den Bedingungen einer sich wandelnden Sozialstruktur ganz im Gegenteil sozial höchst angemessen verhalten.

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