PrivacyBarCamp, Geschichte des Privaten

Letztes Wochenende, 5.-6. März, war in Hannover das PrivacyBarCamp und versammelte Netz-Aktivisten und Politiker-Umfeld zu Themen wie EU-Datenschutzrichtlinie, Überwachungstechnologie, Vorratsdatenspeicherung.  usw. — die klassische Datenschutz-&-Privacy-Palette halt. Natürlich gab’s vor Ort viele Datenschützer, aber auch die Post-Privacy-Spackeria wurde reingelassen 🙂

In einer angenehm Diskurs-offenen Atmosphäre diskutierte das Camp z.B. „Transparenz und Macht“ (mit @mspro und @bjoerngrau) und „Anonymität im Demokratischen Diskurs“. Von letzterem gibt es eine Aufzeichnung — es geht um den Wert des Anonymen in der politischen Öffentlichkeit, zum Teil am Beispiel Liquid Feedback. Ebenfalls sehr interessant, insoweit es unter Anderem das Scheitern von datenschützerisch aufgemotzten Modell-Social-Networks thematisiert: „Datenschutz in Sozialen Netzwerken“. Weitere Aufzeichnungen, leider nur von der Bühne (unter Ausschluss der beiden anderen Räume), gibt es hier: http://bambuser.com/channel/janalbrecht?profile-tabs=broadcasts

Geschichte des Privaten

Ich teilte mir eine Session „Kritische Geschichte der Privatsphäre“ mit Gero (der über Hannah Arendt / Vita Activa redete). Ich wollte in meinem Part einen kurzen Überblick über meine derzeitigen Recherchen zum Thema „westlichen Geschichte der Privatsphäre“ geben; ich hetze knapp über die Buchtitel hinweg, die ich in den letzten Wochen zu dem Thema gelesen habe, vergröbere und verkürze und dilettiere aufs sicher Schlimmste und provoziere vermutlich in jedem Historiker, der sich mit den angerissenen Fragen ernsthafter beschäftigt hat als ich, Einiges an Ventilation. Als erste Skizze für eine nähere Beschäftigung mit dem Thema gibt die Aufzeichnung aber vielleicht trotzdem ein paar Impulse.

Wer sich das Ganze unter schmerzhaftem Kopfschütteln anhört — ich würde mich über Gerade-Rückungen und Fehler-Hinweise in den Kommentaren freuen 🙂 Zur Ergänzung noch meine (wesentlich ausführlicheren) Wiki-Notizen zu den einzelnen Buchtiteln: A History of Private Life: From Pagan Rome to Byzantium & A History of Private Life: Relevations of the Medieval World (Georges Duby u.a.), Geschichte der Kindheit (Philippe Ariès), Home: A Short History of an Idea (Witold Rybczynski), The Fall of Public Man / Die Tyrannei der Intimität (Richard Sennett).

Wem zu dem Thema weitere relevante Titel einfallen: Nur rein damit in die Kommentare!

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Eine Antwort zu PrivacyBarCamp, Geschichte des Privaten

  1. Fritz schreibt:

    Ich hatte mir die „Kritische Geschichte“ teilweise angesehen und habe mich dabei gefragt, wie weit man einen mit heutiger Bedeutung angefüllten Begriff so ohne weiteres auf frühere Verhältnisse transponieren kann. Man braucht eine Definition: Wie ist „privat“ überhaupt definiert?
    Ein anderer Gedanke: Privat und öffentlich ist nur scheinbar der Gegensatz. Der wirkliche Gegensatz ist privat vs. staatlich. Das wird gut deutlich z.B. an Sexualität: Wenn zwei partout es in der Öffentlichkeit treiben wollen, so ist dies nach heute vorherrschender Meinung quasi deren Privatsache. Aus staatlicher Sicht ist das anders.
    Walter Benjamin hat sich einmal (weiß der Himmel, wo ich es gelesen habe) über das Verschwinden der Anonymität in der modernen Gesellschaft aufgeregt. Das war bereits vor dem Hintergrund der Verfolgungen durch die Nazis. Er meinte: So wie heute jedes Auto sein Schild tragen muss, so wird eines Tages jeder Mensch sein Schild tragen müssen. Dieser Benjamische Affekt ist verständlich und macht auch wieder deutlich, dass der Gegensatz zu privat nicht „öffentlich“ ist, sondern staatliche Macht bzw. staatlicher Zugriff auf den Menschen.
    So ist es ja auch längst akzeptiert, dass der Mensch gegenüber dem Staat kaum Privatsphäre besitzt, der Mensch aber gegenüber anderen Menschen nicht ausweispflichtig und auskunftspflichtig ist.
    In der Geschichte zeigt sich dies ebenfalls: Alle ohne Selbstbestimmungsrecht hatten logischerweise keine „Privatsphäre“, also keine Sphäre, wo sie gegenüber Verfügungen der Machtinhaber geschützt waren. Der Gipfelpunkt des Unprivaten ist die Leibeigenschaft. Nur Freie haben die Freiheit, eine Shpähre zu schaffen, die sie selbst bestimmen können. Dabei gilt wieder: „öffentlich“ ist nicht der Gegenbegriff zu „privat“. Die herrschenden Römer waren selbstverständlich auch in der Öffentlichkeit „privat“ – völlig unabhängig, wie blickdurchlässig sie ihre Villen gestaltet haben und wen sie zusehen ließen, wenn sie kotzten oder Orgie machten.
    Als Buchtipp hätte ich höchstes die „Geschichte der Zivilisation“ anzubieten, ohne da eine genaue Stelle im Sinn zu haben. Ich vermute, historisch ist die bürgerliche Privatsphäre beinahe mimetisch der Privatheit des Adels nachempfunden – möglichst viel Privatsphäre zu haben (= große Villen, Parks) war ein Statussymbol/Gleichstellungsstrategie. In jedem Fall ist Privatsphäre in der bürgerlich-kapitalistischen Welt sehr eng mit Eigentum verbunden, wobei es in allen wesentlichen Belangen für den Staat Ausnahmen gibt, so dass die Privatsphäre keine außerstaatliche Angelegenheit ist, sondern innerhalb des Staatswesens „öffentlich“ geregelt ist.

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