Die Sache mit dem Foto in der heutigen Zeit

“Der Personalchef sieht ein Sauffoto von dir. Und dann?” Mir ist das zu einfach, deshalb hier noch ein paar mehr Facetten:

So, ich hab also ein Foto von mir veröffentlicht. Veröffentlicht heisst: es ist über die Kenntnis meines Namens auffindbar. Nicht betrachten will ich den Fall, in dem ich pseudonym veröffentliche – hier ist es eine weit beschränktere Menge an Personen, die mich anhand des Fotos identifizieren kann. Das Foto zeigt, wie ich im allgemeinen gesellschaftlichem Sinne negativ handele.

Was bedeutet das?
Zuerst sind digitale Daten über eine bestimmte Internetadresse abrufbar. Da die Daten veröffentlich sind, heisst das, dass sie von jedem der auf diese Internetadresse zugreifen kann, kopiert werden könne. Computer (und auch Smartphones) sind genau dafür gemacht. Daten zu kopieren. Derjenige, der eine Kopie der Daten erhält, bekommt volle Verfügungsgewalt über diese Daten. (These der Datenhoheit)

Das was das Foto zeigt, ist ethisch nicht vertretbar, unmoralisch oder gegen die Sitten. Vielleicht wird damit eine Ordnungswidrigkeit oder sogar ein Verbrechen dokumentiert. Ich kann für das Verbrechen oder die Ordnungswidrigkeit zu mit rechtsstaatlichen Mitteln zur Rechenschaft gezogen werden. Da muss ich schon sehr doof sein, wenn ich deshalb Konsequenzen tragen muss, dennoch steht mir das Recht zur Veröffentlichung zu. Wenn es nur ethisch nicht vertretbar, unmoralisch oder gegen die Sitten verstößt, kann ich es veröffentlichen, ohne juristische Konsequenzen zu befürchten. Es bleiben die gesellschaftlichen Konsequenzen. In der Regel hab ich Glück, und niemand, den ich treffe, kennt das Foto von mir. Das liegt daran, dass ich anderen zunächst anonym gegenübertrete. Erst wenn ich mit anderen interagiere, gehört es zu den üblichen Umgangsformen, sich vorzustellen, sich identifizierbar zu machen. Wenn ich identifizierbar für den anderen bin, kann dieser auch mein veröffentlichtes Foto finden.

Jetzt wird es spannend:  Der andere hat die Möglichkeit, sich über mich zu informieren. Ich habe ja genau deshalb Daten von mir und über mich veröffentlicht. Ich erhoffe mir ein positives Feedback von meinen Veröffentlichungen, sonst betreibe ich den Aufwand nicht.

Das Problem mit dem Foto, das mich als gegen die Sitten, die Moral und gegen die Ethik verstossenden Menschen zeigt ist, das es von mir wohl mit einer Erwartungshaltung  veröffentlicht wurde, den jedoch nur eine Teilmenge der Öffentlichkeit zustimmt.

Der Andere steht nun vor der Aufgabe, auf dieses Foto zu reagieren. Das hängt von der Bewertung des Fotos ab. Der Andere kann: gegen mich agieren, mich ausgrenzen, mich ignorieren, mich tolerieren, mich akzeptieren, mit mir sympathisieren oder mich vielleicht sogar bewundern. Da ich diesen fiktiven Anderen nicht kenne, will ich ihm jede erdenkliche Möglichkeit zu Reaktion lassen.

In Abhängigkeit von den Reaktionen, die ich erhalte, entscheide ich, ob das Foto weiter veröffentlicht wird oder nicht. Aber schon mit dem ersten Kopiervorgang habe ich die die Datenhoheit über mein Foto verloren. (Das ist doch der Kontrollverlust, oder @mspro?)
Jeder, der Das Foto gesehen hat, hat es kopiert. Vielleicht sogar mehrfach, wenn es auf dem Transportweg zwischengespeichert wurde.

Da ich auf dem Foto identifizierbar bin, habe ich noch meine Persönlichkeitsrechte. Hiermit kann ich nötigenfalls weitere öffentliche Kopie von dem Foto durch Dritte unterbinden. Ich kann aber nicht-öffentliche Kopien nicht verhindern, da ich von diesen keine Kenntnis habe. Ich nur mit erheblichem Aufwand feststellen, wohin das Foto kopiert wurden. Wenn nicht protokoliert wird,
kann ich auch gar nicht nachvollziehen, wohin das Foto kopiert wurde. Aktuell wurde vom AG München entschieden, das Privatpersonen nur ein beschränktes Auskunftsrecht gegenüber Forenbetreibern haben. Mit jeder weiteren Kopie wird der Kontrollverlust irreversibler.

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4 Antworten zu Die Sache mit dem Foto in der heutigen Zeit

  1. Bernd schreibt:

    Dem Ende des Artikels scheint etwas zu fehlen, denn sowohl das digitale Radiergummie als auch der künstliche Gedächtnissverlust sowie Durchsetzung von Persönlichkeitsrechten mögen ja „theoretisch“ wegen den privaten Kopien nicht funktionieren, in der Praxis ist es aber vollkommen ausreichend wenn ich bei den „üblichen Verdächtigen“ mein name neben einem Partyfoto (das ein anderer veröffentlicht und getagged hat) löschen kann. Denn der „Personaler“ der googelt halt nach mir und schaut in Facebook nach den Namenstags*, aber er recherchiert nicht in einem Untergrundnetz nach „sicherungskopien von depublizierten Partyexzessen“.

    Gruss
    Bernd

    * wenn das überhaupt ein Personaler tut, da gibts ja gegenteilige Berichte (entweder zu alt um internet zu benutzen oder zu jung um die Fotos überzuberten).

  2. Lars schreibt:

    Rein technisch gesehen, ist jeder „Aufruf“ eines Bildes schon eine Kopie. Ohne irgendwelche böswilligen Absichten existieren somit hunderte von Kopien.

    Ich sehe die Sache mit dem ominösen Personaler (möglicherweise eine Urban Legend) so, dass derjenige, der die Bilder einstellt mitdenken sollte. D.h. soll jeder die Saufbilder sehen, oder vielleicht dann doch eher nur die, die mich kennen. Und schon ist der Personaler, der mich nicht kennt, ausgeschlossen. Muss man sich eben mal mit denen Systemen die man nutzt auseinandersetzen. Ich stell auch keinen Atommeiler in den Kindergarten und lass die Kids die bunten Knöpfchen drücken.

    Abgesehen mal davon. Wenn mich eine Firma aufgrund eines Partybilds bewertet und meine Skills keinen interessieren, ist es eh die falsche Firma!

    so long

    Lars

  3. Stephan Packard schreibt:

    Wie kommen wir in den ersten Zeilen von ‚es gibt ein mit meinem Namen versehenes Sauffoto von mir im Netz‘ zu „ich habe also ein Foto von mir veröffentlicht“? Das Foto kann ja von Person B gemacht, von C hochgeladen und von D getagt worden sein.

    Insofern scheint es mir auch nicht richtig, daß ich „entscheide […], ob das Foto weiter veröffentlicht wird oder nicht“, bzw. daß der Kontrollverlust erst mit dem Hochladen angefangen hätte. Entscheidend wird der Kontrollverlust nicht dort, wo keiner mehr irgendeine Kontrolle in der Hand hält, sondern wo andere Kontrolle über unsere Daten ausüben, wo Kontrolle also von einer Person verloren wird, weil jemand anders sie gewinnt.

    • fasel schreibt:

      Diesen Kontrollverlust zu diskutieren ist spannend, leider wird er gerne ausgeblendet.
      Ich sehe da zwei Standpunkte: Auf der einen Seite der „digitale Radiergummi“ und auf der anderen eben die „Post-Privacy-Gesellschaft“ (zumindest bestimmte Aspekte davon, wie lockerer Umgang mit peinlichen Bildern).
      Der Radiergummi wird zwar als technische Lösung verlacht, aber nicht die Grundidee dahinter. Das ist bedenklich.

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