Das Paradigma des Informationszeitalters

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Debatte über die Zukunft der Privatsphäre und der über die Zukunft des Urheberrechts. Hintergrund ist, dass wir am Beginn eines neuen Zeitalters stehen. Das ‘Buch und Schallplatte’ Zeitalter zeichnete sich dadurch aus, dass die Verbreitung von Informationen kostenintensiv war. Bücher und Schallplatten mussten hergestellt, transportiert und vorgehalten werden. Es erforderte einen immensen ökonomischen Aufwand, ein Kulturgut überhaupt zugänglich zu machen. Dieser Aufwand führte dazu, daß eine Publikation Ökonomisch rechtfertigt werden musste und führte zu der Frage, warum etwas veröffentlicht werden sollte. (ist es massenkompatibel etc.).

Das Internet als neues Medium vereint nun die Speicherfähigkeit der Bibliothek mit der Verfügbarkeit des Rundfunks und ermöglicht es, dass jede Information zu jeder Zeit an jedem Ort abrufbar ist. Ein grundlegendes Paradigma hat sich damit umgekehrt. Der Zustand, der früher jedesmal aufwendig hergestellt werden musste, ist jetzt der Normalfall für jede Information. So verbreiten sich Kulturgüter gegen den Willen einer Verwerterindustrie, deren primärer Sinn und Zweck einmal darin bestand, diese Verbreitung überhaupt zu ermöglichen oder die gesamte Kommunikation der US Diplomaten gelangt auf einen Schlag an die Öffentlichkeit.

Jede Information ist nun von Natur aus Öffentlich im Sinne der Zugänglichkeit, und jede Information, die es nicht ist, strebt regelrecht in diesen Zustand. Jede Geheimhaltung ist dreifach kostenintensiv: Es ist teuer, ein Geheimnis aufrechtzuerhalten, es ist teuer, das Risiko zu managen, dass die Geheimhaltung nicht gelingt und es ist teuer aufgrund von Opportunitätskosten, weil Netzwerkeffekte nicht ausgereizt werden können. So hat die US Regierung nach den Wikileaks-Vorfällen z.b. beschlossen, den Zugang zu Dokumenten innerhalb der Behörden wieder Einzuschränken, d.h die Behörden wieder weniger zu vernetzen.

Die Umkehrung dieses Paradigmas führt auch zu einer Umkehrung der Fragestellung. In einer Welt, in der die Öffentlichkeit im Sinne der Zugänglichkeit der Normalzustand jeder Information ist, stellt sich die Frage nicht mehr, warum etwas veröffentlicht werden soll. Die Veröffentlichung ist kein Akt mehr, der begründet werden muss, sondern ergibt sich von selbst. Umkehrt wird nun das Vorenthalten einer Information zu einem Akt, der angesichts des Aufwands auch einer Rechtfertigung bedarf. Für junge Menschen, die mit sozialen Netzwerken und Fotohandys aufwachsen, stellt sich nicht die Frage, warum sie Fotos von sich ins Netz stellen wollen, sondern warum sie den Aufwand betreiben wollen, alle ihre Freunde und Bekannte davon abzuhalten, sie zu Fotografieren. Es geht also nicht nur darum, daß sich unter diesen Bedingungen keine Informationen verkaufen lassen, sondern auch für die peinlichsten dinge des (sogenannten) Privatlebens stellt sich nicht mehr die Frage, “warum möchte ich es der Welt um jeden Preis erzählen ? ” sondern “warum möchte ich es der Welt um jeden Preis vorenthalten, und wozu ?”

— Autor dieses Beitrags ist Sebastian Lehbert. Lizenz CC-BY cc-by. Erstveröffentlicht auf http://closedgermany.de/

Anmerkung: Der Autor ist kein Protagonist der Spackeria, aber der Text zeigt ein zu wichtigen Gedankengang auf, um ihn nicht hier zu re-publizieren.

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8 Antworten zu Das Paradigma des Informationszeitalters

  1. Ursula von den Laien schreibt:

    Schon klar. Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten. Gläserner Bürger 2.0.

    Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, objektive Wirklichkeit mit Wissen darüber gleichgesetzt, Daten mit Information vermischt (von deren Richtigkeit und Authentizität mal ganz abgesehen). Nicht jedes Handeln schafft ein Werk, weder des Protagonisten noch des Beobachters.

    Daß nicht jede Information automatisch verfügbar ist, sondern auch Erhebung, Speicherung und Zugänglichmachung (wenn dies denn überhaupt wünschenswert oder legitim ist) von Daten Kosten verursachen, wird vollkommen außer Acht gelassen.

    Der Staat muß dem Bürger transparent sein, nicht umgekehrt.

    Datenvermeidung durch Untätigkeit und Unterlassung, auch eine Möglichkeit. Selbst das ist wieder eine (vermeintliche) Information. Spätestens seit Heisenberg wissen wir, daß jede Beobachtung das (System-)Verhalten beeinflußt; beim Menschen bereits die Vermutung, beobachtet zu werden. Jede Handlung beschränkt oder behindert durch Sinnieren über etwaige, meist unabschätzbare Konsequenzen. Freiheit 2.0.

    „Real life“ ist, was im Netz steht.

    • Dirk Burchard schreibt:

      Der Staat muß dem Bürger transparent sein, nicht umgekehrt.

      Whow, da hat Uschi wohl eher für die Laien formuliert!

      Trotz dieses bekloppten Namens hätte ich ja durchaus noch erwartet, daß hier mal wirklich relevante Fragen thematisiert werden, wie Individuen ihre informationelle Selbstbestimmung im digital vernetzten Zeitalter noch wirklich freiheitlich ausleben können. Aber irgendwie waren jene Idealisten im rückblickend so zu bezeichnenden Web 1.0 schon viel weiter als heutige Zwei-Nuller, die in Fußgängerzonen überheblich an Marktforschern vorbeitrampeln, aber freiwillig ihr halbes Leben und soziales Umfeld für Mark Zuckerberg zum kommerziellen Ausschlachten kategorisieren.

      Bisher kommt mir die Spackeria nur vor wie trotzige Kinder der Kohl-Ära, die nicht überwunden haben, daß der Dicke ihnen nicht mehr sagt, wo’s langgeht und gegen welches Gedankengut sie zu sein haben, und die jetzt postpubertär patzig fragen, was sie denn mit Datenschutz überhaupt noch sollen. Schade, aber immerhin konsequent Spackeria…

  2. Ursula von den Laien schreibt:

    Related: Neuer Blogeintrag von Thomas Stadler (mit dem vielsagenden Titel „Das Datenschutzproblem“).

    „Die“ Spackeria scheint mir momentan eher irgendwo zwischen Resignation und Übersprungshandlung zu stehen. (Das kann man natürlich postpubertär nennen.)

    Abwarten, was kommt? (Neue) Regelungen sind dringend notwendig, folglich auch eine Diskussion darüber, wollen wir uns nicht weiteren Unsinn vorsetzen lassen, sei es von der Politik oder (de facto) den Unternehmen.

    @Dirk: Der zitierte Satz ist kein Grammatikunfall, falls Du das meintest; platt mag er sein (zumal er sich nur auf das Verhältnis Staat–Bürger bezieht, nicht die ebenso wichtige Beziehung zwischen Nutzern und [international agierenden] Diensteanbietern oder Firmen generell).

    • Dirk Burchard schreibt:

      Uschi, ich meinte das vollkommen anerkennend, weil Deine prägnante Formulierung das zentrale Problem vieler Post-Privacy-Ideologen auf den Punkt bringt, die gern mal den staatlichen Repressionsapparat ausblenden so wie dieses Huhn in ChickenRun, das jenes aus Dunkelhaft zurückkehrende immer gefragt hat, ob es im Urlaub war.

      Vermutlich ist das einfach nicht die Zeit um mit Freiheitsrechten voranzukommen im Gegensatz zu den 80ern als Helmut Kohl mit seiner sogenannten geistig-moralischen Wende eine so offensichtliche Bedrohung jener zuvor erkämpften Freiheiten war, zumal der damals real existierende Stasi-Osten noch anschaulich die Grausamkeit eines Überwachungsstaats vermittelt hat.

      Da freue ich mich doch einfach, daß Merkels neuer Bundesinnenminister wenigstens nicht die Kompetenz hat wie zuletzt Otto Schily, bei Freiheitsrechten viel Schaden anzurichten…

      • fasel schreibt:

        witzig. Das Ausblenden des staatlichen Repressionsapparats ist genau das, was ich der Datenschutzfraktion gerne vorwerfe. Da stilisiert man doch vorallem Facebook und Google als das große Böse herauf.

        Es geht hier um den Erhalt von Freiheitsrechten, die durch eine Regulierung im Namen des Datenschutzes immer stärker bedroht wird. Ein freies, unreguliertes Netz ist eine Schlüsseltechnologie zur weiteren Demokratisierung von Daten/Informationen/Wissen und damit Macht. Der Datenschutz steht da durchaus im Wege. Ein plakatives Beispiel: Wikileaks wurde und wird von Datenschützern scharf attackiert, weil ja irgendwelche Daten, irgendwem schaden *könnten*.

        • Dirk Burchard schreibt:

          Dann arbeitest Du Dich ab an jenen, die Datenschutz zur feudalen Geheimniskrämerei mißbrauchen und mit Informationeller Selbstbestimmung sowieso nichts anfangen wollen.

          Du möchtest aber sicherlich auch nicht in eine Polizeikontrolle geraten und mißtrauisch beäugt werden, weil der Beamte gleich haufenweise Datenabgleiche wegen diverser Verbrechen vor Augen hat, in die Du bei Rasterfahndungen mal zufällig geraten bist. Du möchtest auch nicht ohne Begründung ein Visum in die USA verweigert bekommen, weil Du mal einer Organisation gespendet hast, die George W Bush nur mal verdachtsweise seiner Axis of Evil zugeordnet hatte.

          Wikileaks war für die USA ein Problem, gerade weil sie sich nicht genügend um Datenschutz gekümmert haben. Wenn sich die US-Administration jetzt an Wikileaks abarbeitet, ist das armselig, denn wer immer die Daten weitergegeben hat, hätte sie auch an al-Qaida oder wen auch immer verkaufen können. Der staatliche Normalfall zum Datenschutz sollte sein, daß bei jeder Datenbankabfrage mindestens protokolliert wird, welcher Mitarbeiter für welches Aktenzeichen auf welche Informationen zugegriffen hat. Dann hätte es diese Blamage nicht gegeben, wenngleich mich das eigentlich sehr beruhigt hatte zu lesen, daß die USA dasselbe über Merkel & Co denken wie ich auch.

          Auch an Google StreetView haben sich letztes Jahr hier jene abgearbeitet, die zu blöd waren, um die viel komplexere Problematik von Facebook zu begreifen. Aber Facebook ist auch weniger ein staatliches Regulierungsproblem, sondern mehr ein Aufklärungsproblem zum Umgang mit persönlichen Daten, wobei dieser Staat vor allem deshalb versagt, weil er sich um die informationelle Selbstbestimmung seiner Bürger kaum mehr kümmert als Zuckerberg. Schon allein viele Hartz-IV-Akten dürften sich kaum noch von Persönlichkeitsprofilen unterscheiden, die man in ehemaligen Stasi-Knästen besichtigen kann.

  3. schlingel schreibt:

    Das ist eine herrliche dumpfe Ansicht. Nicht nur weil vollkommen ausgeblendet wird, dass es ein persönliches Recht auf Privatssphäre gibt und sich dieses legistisch sowie auch praktisch auf die Erhaltung von persönlicher Freiheit bezieht, sondern auch weil eine obskure Aufwandseinschätzung als Tilgungsgrund hergenommen wird.

    Klar, durch die Einfachheit und Dreistigkeit in der hier durch die anscheinend normative Kraft des Faktischen für jeden Dritten ein klares Persönlichkeitsrecht abzuerkennen als logischer Schluss präsentiert wird erschlägt auf den ersten Blick, aber eben nur auf den ersten Blick.

    Es ist ein Schluss der vom klaren Egoismus dieser Epoche getragen wird, da das individuelle Empfinden und die Selbstpräsentation ohne jegliche Reflexion im Kontext der intersubjektiven Bedeutung der eigenen Schlüsse als Norm hergenommen wird.

  4. Martin schreibt:

    Vielleicht werden hier ja nicht Äpfel mit Birnen verglichen. Vielleicht haben Daten wirklich keinen Wert. Vielleicht wollen Informationen öffentlich sein. Ich habe aber das Gefühl, dass dieser Artikel zu spitz formuliert ist, um mir wirklich etwas über ein „Paradigma“ sagen zu können, zumal mir einfach auch neben dem monetären Wert der „subjektive Wert“™ der hier verhandelten Daten fehlt.

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