Der enttarnte Aktivist

Heute ging mal wieder ne Geschichte rum, die gerne in Bezug zur Spackeria oder „Postprivacy“ gebracht wird: „Twitter enttarnt mutmaßlichen Polit-Blogger„. Was ist passiert?

Dem Gemeinderat von South Tyneside fiel auf, dass Interna im Netz verbreitet und kritisiert wurden. „So geht das aber nicht!“ dachte man sich und fragte bei Twitter nach den Nutzerdaten an. Ein Gericht in Kalifornien segnete die Anfrage ab und Twitter musste die Nutzerdaten herausgeben, der „Informant“ oder „das Leak“ war enttarnt.

„Sowas findet ihr als Spackeria ja toll, oder?“ schallt es da aus vielen Kehlen, „ohne Datenschutz ist investigativer Journalismus aber nicht mehr möglich!“. Wenn wir die Idee mal nicht als Strohmann-Argument verstehen sondern als „echtes“ Missverständnis, offenbart sich ein wenig Klärungsbedarf.

Investigativer Journalismus (den man aber in Deutschland ja leider auch meist nur noch aus der abstrakten Beschreibung desselben im Schulunterricht kennt) ist notwendig und gut, eben weil er der Allgemeinheit mehr Daten zur Verfügung stellt (<3 data!) die zur Meinungsbildung genutzt werden können. Wir, als demokratische Gesellschaft, wollen also investigativen Journalismus.

Nun hat man als jemand, der oder die Geheimnisse ausplaudert, einen schlechten Stand. Die Gegner, oft Firmen oder der Staat, sind massiv schlagkräftiger als eine Einzelperson: Ob nun Datenschutzgesetze gegen das Leak in Stellung gebracht werden, "geistiges Eigentum" oder noch komplett andere Vorschriften und Verbote, eine Firma mit eigener Rechtsabteilung bzw. der Staat mit seinen Juristen kann hier aufgrund der zur Verfügung stehenden Ressourcen den Einzelnen oder die Einzelne nahezu mundtot machen.

Als Mechanismus, dieses Problem zu Umgehen, haben wir in der Vergangenheit gerne Anonymität gewählt: Wenn nicht klar ist, wer eine bestimmte Information verbreitet hat, kann diese Person eben auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. In Kombination mit Quellenschutz für Journalisten soll dieses Konstrukt es erlauben, geheime Informationen offen zu legen.

Aber Anonymität ohne Datenschutz? Geht das überhaupt? Will die Spackeria also das "Leaken" schwieriger machen?

Gehen wir mal davon aus, Twitter würde keine IPs speichern und hätte auch keine Emailaddresse des Nutzers. Alles super anonym und datenschutzig. Ich will aber wissen wer hinter dem Account @krasserLeaker steckt, der meine Geheiminformationen herausposaunt. Was tun?

Die Informationen sind geheim, das schränkt den Täterkreis schonmal ein wenig ein. Ich beginne also eine Liste derer, die Zugriff auf die Daten haben. Puh, ganz schön viele Leute. Nach einigen weitern Leaks stabilisiert sich ein kleinerer Täterkreis (Genau die Leute, die auf alle geleakten Daten Zugriff hatten).
Wie kriege ich nun in der heilen Datenschutzwelt unseren Täter zu packen?

Methode 1: "Ihr seid alle Schneeflocken"

Ihr kennt sicherlich das Sprichwort, dass keine zwei Schneeflocken identisch sind. Das wird ja auch gerne auf Menschen angewendet, weil die alle so individuell sind. (Passt in beiden Fällen meist nicht, aber egal jetzt). Was man festhalten kann, ist dass Sprache und damit auch im speziellen geschriebene Sprache sehr individuell ist. Der aktive Wortschatz (also die Worte, die man selbst benutzt) ist nicht bei allen Menschen identisch. Ebenso ist die aktiv verwendete Grammatik bzw. der Satzbau von Mensch zu Mensch unterschiedlich: Einige Menschen nutzen viele verschachtelte Sätze, andere nutzen gerne ein ";" oder beenden Absätze mit rhetorischen Fragen. Man kann also ganz einfach die Sprache des @krasserLeaker analysieren und mit den individuellen Sprachprofilen der Verdächtigen vergleichen. Wenn das nicht ausreicht, so grenzt das die Gruppe doch schon sehr stark ein.

Methode 2: "Der Kartentrick"

Kommerzielle Vermarkter von Landkarten und Stadtplänen bauten in ihr Kartenmaterial winzige aber eindeutige Fehler ein, so dass unlizenziert verwendetes Kartenmaterial sehr effizient nachgewiesen werden konnte. Genau das kann ich mit meinen Geheiminformationen auch tun. Ich verändere die Geheimdaten, die ich an die Verdächtigen gebe in kleinen Details. Ich ändere mal ein Datum um nen Tag, ich füge nen Tippfehler oder ein Satzzeichen hinzu. Wenn dann der Fehler im Leak auftaucht, weiß ich, wer verantwortlich war.

Die Daten, die ich in diesen beiden Fällen benutzt habe, fallen en passant an: Wenn ich was schreibe, dann steckt da meine "Handschrift" drin, genauso wie potentielle Zugangsbeschränkungen. Das Erzeugen dieser Daten kann ich oft kaum unterdrücken (ich kann versuchen an meiner Sprache herumzudoktern, aber auch das kann man oft mittels Heuristiken erkennen). Und selbst wenn ich nichts hinzufüge, kann man mich finden, indem man Methode 2 anwendet. Das Problem ist nichtmal aufs Netz beschränkt, es funktioniert genauso offline.

Anonymität war nie absolut. Wird es auch nicht werden. In diesem Kontext ist Datenschutz wie ein Antibiotikum: Funktioniert vielleicht jetzt gerade noch ganz gut zum Schutz gegen Leaker-Aufdeckung, aber über kurz oder lang werden die Aufdecker dann eben die anderen Massnahmen ergreifen und professionalisieren. Und dann hilft uns Datenschutz eben nicht mehr.

Die Frage für die Zukunft muss folglich sein: Wie helfen wir Menschen, gesellschaftlich wichtige Geheimnisse zu sammeln oder zu veröffentlichen, ohne sich auf das Feigenblatt Datenschutz verlassen zu müssen. Unmittelbar sinnvoll ist wohl zunächst die tatsächlich anonyme Internetnutzung, etwa mit TOR, und der Verzicht auf die Angabe "echter" Informationen gegenüber Internetdiensten wie Twitter. Das sind allerdings ziemliche Binsenweisheiten, die sich mit

Geh mit deinen Daten bewußt um, wisse darum, das Internet per se öffentlich ist und agiere dementsprechend

recht knackig zusammenfassen lassen. Gesellschaftlich sind dann wohl bessere und sinnvollere Regeln für den Schutz von Whistleblowern notwendig, eine Thematik, die mit Datenschutz (und folglich auch der Spackeria) dann wohl nur noch am Rande zu tun hat, mit der sich aber NGOs wie das „Whistleblower-Netzwerk e.V.„, Aktivisten wie Benjamin Stöcker oder bspw. auch die Piratenpartei beschäftigt.

(Dank an @tarzun für Kommentare und Textarbeit)

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29 Antworten zu Der enttarnte Aktivist

  1. Dirk schreibt:

    zum Thema Whistleblowing empfehle ich Medienradio MR044 http://medienradio.org/mr/mr044-whistleblower/

    Datenschutz ist da das geringste Problem. Wenn man etwas machen will braucht es Gesetze speziell zum Schutz von Whistleblowern.

    mfg Dirk

  2. det schreibt:

    „Gesellschaftlich sind dann wohl bessere und sinnvollere Regeln für den Schutz von Whistleblowern notwendig“ – jetzt quäl ich mich durch den ganzen Artikel (und das auch nur, weil ich au Versehen „Der enttarnte Lobbyist“ statt der richtigen Überschrift las) – und das soll das Fazit sein?! Gehts nicht noch windelweicher/nichtssagender/Politiker-/Loriot-mäßiger??

    • tante schreibt:

      Nunja, wenn eine falsch gelesene Überschrift Wünsche und/oder Begehrlichkeiten weckt, dann ist das ja nicht mein Fehler 😉

      Aber zum Thema. Es ging hier vor allem darum zu zeigen, in welchem Kontext die Arbeit der Spackeria zu dieser Geschichte steht (eben weil da anscheinend noch Vorurteile und Missverständnisse existieren). Es ging nicht darum eine regelung zum Ermöglichen von Whistleblowing zu erarbeiten.

  3. det schreibt:

    Außerdem sollte man eigentlich mal eine Innenpolitik-Piraten-Gruppe „Für mehr innere Sicherheit – Überwachung ist nicht nur schlecht“ gründen. Spackeria gegen Datenschutz, undemokratische Hayek-Fans – wenn jetzt noch paar Schäublefans die Piraten von innen erobern, und einen starken handlungsfähigen Staat fordern angesichts der realen Gefahren des Terrorismus oder so, Vorratsdatenspeicherung, Videoüberwachung, mehr Polizei, die auch ordentlich ausgerüstet ist, usw.

    dann können die „Kernis“ endgültig einpacken mit ihren „Kernthemen“, weil niemand mehr weiß, was diese Piratenpartei nun eigentlich will.

    • tante schreibt:

      Was die Piratenpartei tut, hat mit der Spackeria nix zu tun, die Spackeria ist kein Teil der Piratenpartei. Und ich bin auch kein Mitglied der Piratenpartei. Den Unterschied zwischen „Piratenpartei“ und „Spackeria“ kann man schon an den unterschiedlichen Namen ablesen, die nicht nur zur Dekoration verwendet werden, sondern auch zum Abgrenzen unterschiedlicher Gruppen aus Menschen zueinander. Die Spackeria ist nicht nur nicht identisch mit der Piratenpartei, sie ist auch keine Teilmenge der Piratenpartei, es gibt eben nur eine handvoll Leute hier, die Mitglieder der Piraten sind. Genauso gibts sicher auch in irgendeinem Fussballverein ne handvoll Piraten, das macht auch nicht „Fussball“ zum Kernthema der Piratenpartei.

      (Mit diesem Kommentar habe ich meine jährliche Quote für das Wort Piratenpartei erschöpft).

  4. Anonym schreibt:

    Merke: Wenn du deinen Namen in deine „anonymen“ Posts schreibst, bist du nicht mehr anonym!

    Zunächst einmal ist wohl eher selten der Whistleblower selbst der Veröffentlicher, in welchem Fall „Methode 1“ höchstens false positives liefert. Bei brisanten Dokumenten wird man diese wohl auch kaum mit der Veröffentlichung kommentieren, sondern sich ggf. lediglich auf das „anderenorts“ geleakte Material beziehen.

    Will man wirklich anonym posten, so verwendet man keinen (dauerhaften) Account und in der Regel auch kein Pseudonym, zumindest keines, das ausschließlich einem selbst zugeordnet werden könnte. Ob dann genügend Text für fundierte Sprachanalysen zur Verfügung steht, ist fraglich. Bei der Verfügbarkeit von Vergleichsmaterial kann im übrigen der Datenschutz bzw. erhaltene Privatsphäre helfen, sofern man nicht publiziert oder im Umfeld der Geleakten passende Texte verfasst.

    Der „Kartentrick“ lässt sich wenigstens bedingt vermeiden, indem man sich entweder nicht auf eine Quelle bzw. ein einzelnes Exemplar verlässt oder aber das Material zuvor adäquat konvertiert, um bestimmte Merkmale oder potentielle gezielte Kennzeichnungen zu entfernen.

    Wenigstens im Falle des Staates sollte verbesserte Informationsfreiheit eigentlich™ helfen (so dass von vornherein weniger zu leaken wäre); gegen Ausspähen von privater Seite muss letztendlich (auch) der Staat wieder schützen, unter anderem durch Sanktionierung von Verletzungen der Privatsphäre und Datenschutzverstößen.

    Ein „Wettrüsten“ findet im übrigen sowohl bei Antibiotika als auch bei — zur Umsetzung von Datenschutz zwingend erforderlichen — IT-Sicherheit statt.

    Ursula von den Laien

  5. det schreibt:

    Es muss ja gar nicht einmal ein Whistleblower sein.

    Hypothetischer Fall in der Post-Privacy-Zukunft: Selbstverständlich mit Realname und googlebarer Privatadresse postet Fritz Miller bei Twitter, dass die Sarah Palin doch eine ziemlich dumme Krawallhenne sei und keine tolle Politikerin, und dass er es schlimm findet, dass so jemand solchen Erfolg hat. Tags drauf brennt sein Auto, und sein Sohn wird in der Schule verprügelt von den Söhnen der Teaparty-Hillbillies. Leider in der Realworld und ohne Videoüberwachung, die Täter sind nicht identifizierbar oder streiten alles ab. Nicht so toll, oder? In einer Welt, in der Nazis, Autonome, Teaparty, Islamisten, Hiphopfans und Fußballfans auch gerne mal handgreiflich werden, hält man dann wohl besser die Klappe, bevor man Ärger bekommt. Außer, man ist Nazi, Teapartyanhänger, Fußballhooligan, …

    • tante schreibt:

      Dein hypothetisches Beispiel ist keineswegs auf die Post-Privacy Welt beschränkt, das ist längst real, selbst in unserer heutigen Datengeschützten Welt.

      Vor einigen Tagen wurde nen ganzer Schwung NPD Seiten gecrackt (http://nn-crew.cc/npd/) und Daten von dort veröffentlicht. Nutzernamen, Emailaddressen, der ganze Kladderadatsch. Trotz Datenschutz. Und das ganze Faschopack da muss nun damit leben, enttarnt zu sein und ggfls. gesellschaftlich sanktioniert zu werden.

      Das Problem, welches Du eigentlich beschreibst hat wiederum eigentlich nichts mit Postprivacy zu tun: Du stellst zurecht fest, dass in unserer Gesellschaft offensichtlich ein ganzer Haufen Menschen nicht damit umgehen kann, dass andere Menschen andere Meinungen und Lebensentwürfe haben. OK, auch das ist nicht neu, es ist sogar uralt.

      Egal, was Du öffentlich sagst, Du kannst immer nen Idioten finden, der sich dadurch beleidigt, angegriffen oder zur Gewalt aufgefordert sieht. Nun kannst Du daraus den Schluss ziehen, nichts mehr öffentlich zu sagen und Dich sicher in Deine Privatsphäre zurückzuziehen. Dadurch wird aber auch nichts besser, alles was Du da tust ist, den Vollidioten die Öffentlichkeit zu überlassen.

      Anonymität hin oder her, wenn Du wirklich Gesellschaft verändern und verbessern willst, dann musst Du auch bereit sein, als Mensch Position zu beziehen. Ich mach das mal vor.

      Ich, Jürgen Geuter (Zeughausstrasse 20, 26121 Oldenburg, Tel. 0176 21847199), finde, dass Nazis ganz arme und dämliche Vollidioten sind. Wie man gesunden Geistes zu rassistischen und nationalistischen Meinungen kommen kann, will sich mir nicht erschließen, weshalb ich auch einen Dialog mit solchen widerwärtigen Menschen für sinnlos halte.

      Sicherlich kann jetzt irgendeiner der „Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“ Vollhorste kommen und mir böse SMS schicken oder Sand gegen mein Haus werfen. Das nehme ich aber gerne in Kauf.

      • det schreibt:

        „Das nehme ich aber gerne in Kauf.“ ist ja gut und mutig. Aber mit welchem Argument willst du nun andere dazu zwingen, dies ebenso „in Kauf“ zu nehmen, oder ansonsten die Klappe zu halten, jedenfalls nicht, es anonym zu tun?

        • tante schreibt:

          Ich „zwinge“ niemanden. Ich stelle fest, dass ich persönlich aus dargestellten Gründen das nichts sagen für schlecht halte. Ich stelle weiterhin fest, dass ich, wenn ich veröffentliche, auch als Person feststellbar bin (mit größerem oder kleinerem Aufwand).

          Das Problem ist einfach: Die versprochene Anonymität bzw. der Versprochene Schutz durch Datenschutz ist eine Illusion. Es ist deshalb wichtig, Menschen zu zeigen, wo die Illusion liegt, damit sie selbst Entscheidungen treffen können. Wenn wir also festhalten, dass Du nicht anonym bleiben kannst, kannst Du für Dich überlegen, ob Du lieber schweigst oder mit Deiner Person für Deine Meinung einstehst. Was vermieden werden soll ist aber, dass Menschen glauben, geschützt ihre Meinung anonym verbreiten zu können, wenn das nicht stimmt.

          • det schreibt:

            … Cordova said she has been harassed for weeks online after she started following Weiner on Twitter and the congressman added her to the list of about 200 people he follows.

            Her harrasser „started posting about me, saying, ‚Oh, the congressman is following school girls,‘ tweeting it over and over. It was very annoying,“ Cordova told the Daily News. When the crotch shot appeared online, she said the same Twitter user was the first to comment on it.

            „Since I had dealt with this person and his cohorts before, I assumed that the tweet and the picture were their latest attempts at defaming the congressman and harassing his supporters,“ she said. „Annoyed, I responded with something along the lines of ‚are you f***ing kidding me?‘ and ‚I’ve never seen this. You people are sick,'“ she said.

            Cordova said she blocked her accounts and thought that would be the end of it. But taking down her information only fanned the flames. Cordova said she’s had the worst weekend of her life.

            „I’ve watched in sheer disbelief as my name, age, location, links to any social networking site I’ve ever used, my old phone numbers and pictures have been passed along from stranger to stranger.

            „My friends have received phone calls from people claiming to be old friends of mine, attempting to obtain my contact information,“ she said.

            „I also do not have a clear understanding as to how or why exactly I am involved in this fiasco,“ she wrote.

            „I do know that my life has been seriously impacted by speculation and faulty allegations. My reputation has been called into question by those who lack the character to report the facts.“

            http://www.nydailynews.com/ny_local/2011/05/29/2011-05-29_student_who_got_lewd_pic_from_rep_anthony_weiners_twitter_account_denies_shes_hi.html

      • det schreibt:

        „Anonymität hin oder her, wenn Du wirklich Gesellschaft verändern und verbessern willst, dann musst Du auch bereit sein, als Mensch Position zu beziehen.“

        Irrtum – wenn die Idee überzeugt, ist es zunächst für ihre Verbreitung völlig Banane, ob da nun mein Name oder „anonymus“ oder „Spackeria“ als Label dranklebt. Wenn da „SPD“ oder „Papst“ als Urheber-Label dranklebt, erregt es vielleicht noch mehr Aufmerksamkeit. Wenn die Idee sich durchsetzt und mein Name dranklebt, werde ich vielleicht berühmt – tolle Sache. Mit der Idee selbst hat es nichts zu tun. Wenn Anderen die Idee nicht gefällt, werden sie aber eventuell versuchen, den Urheber ausfindig zu machen und zum Schweigen zu bringen, um noch mehr von der Sorte zu verhindern, oder als warnendes Beispiel. Das geschieht in Diktaturen, und sogar in Demokratien, wenn man sich mit mächtigen Mächten anlegt. Womit wir wieder beim Whistleblower wären.

        • tante schreibt:

          Der Glaube an das Gute in einer abstrakten Idee ehrt Dich, ich halte das aber für illusorisch. Wenn ich „Blabla“ (nach Anonym) zitiere, dann hat das gesellschaftlich weniger Gewicht, als wenn eine Person oder Institution dranhängt. Personen und Institutionen übertragen ihre Glaubwürdigkeit auf ihre Aussagen. Egal wie gut eine Idee ist, ohne benannte Unterstützer hat man gesellschaftlich keine Chance für Veränderung. Ein Beispiel:

          Ich behaupte, dass in Deutschland 40 Millionen Anonyme mich zum Kanzler machen wollen. Glaubt mir kein Mensch. Hätte ich 40 Millionen Namen dranhängen, sähe das gleich anders aus.

          Sicherlich kannst Du als Einzelperson eine Idee formulieren und sie an wen anderes weitergeben, damit diese Person ihren Namen dafür hergibt, aber bis das passiert, wirst Du ignoriert

          • det schreibt:

            Erstaunlich, dass sich Ideen wie „man kann streiken“, „power to the people“ oder „aus Avocados kann man Guacamole machen“ durchgesetzt haben. Denn ich wüsste nicht zu sagen, wer deren Urheber waren, höchstens, wer sie sozusagend als Anwalt oder Fan „like-te“ und vertrat. Von Erfindungen und Entdeckungen wie Feuer, Haus, Rad und Ackerbau mal ganz zu schweigen. Und selbst wenn es einen berühmt gewordenen Erfinder/Entdecker einer Idee, eines Kontinents oder einer Gesetzmäßigkeit gibt, hängt doch auch da ein ganzer Rattenschwanz an anonymer/unbekannt gebliebener Vorarbeit und innovation dran, ob es nun um Patente, die Kunstgeschichte, Musik oder Politik geht. Die Idee, dass immer ein Herr Müller oder Meier mit einer Idee berühmt wird, von ihr profitiert, und sie als seine kleine Parzelle abgrenzt, ist dagegen relativ neu, und vor allem wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen geschuldet. „Avantgarde“ wäre hier, die Sinnlosigkeit solcher Bestrebungen im digitalen Zeitalter zu demonstrieren, wie bei Linux oder Wikipedia.

          • tante schreibt:

            „man kann streiken“ hat vielleicht keinen „Urheber“, aber wenn sich keine namenhaften Menschen hinter die Idee stellen, hat sie keine Chance. Es setzt sich eben nicht immer „das bessere durch“ (VHS vs. Betamax Vergleich hier).

            Man sollte des weiteren zwischen Erfindungen im Sinne von Technik und gesellschaftlichen Ideen unterscheiden. Bei technischer Innovation stehen mir üblicherweise Metriken zur Verfügung um Verbesserungen zu messen (wenn ich keine habe, werde ich ausgelacht). Bei gesellschaftlichen Konzepten gestaltet sich das schwieriger, da gehts dann meist einfach um Abwägung der Argumente.

          • det schreibt:

            VHS/Betamax ist ein schlechtes Beispiel: Woran will man hier „besser“ festmachen?

            Für den Videofreak ist es eine Frage der zweifellos besseren Technik bei Betamax, die technischen Daten sprechen für sich.

            Für Otto Normalverbraucher war es eher eine Frage von Verfgbarkeit, und von „wieviel Geld möchte ich ausgeben und reicht mir die VHS-Qualität“.

            Ansonsten könnte man ja genauso sagen, VHS=Facebook/Post Privacy, Betamax=Datenschutz/Tor. Und dass sich eben VHS durchgesetzt hat, und man das zu akzeptieren habe, und kein Recht auf Datenschutz/Betamax habe.

  6. det schreibt:

    Grundsätzlich habe ich folgendes Problem mit der Post-Priacy-Bewegung: Menschen finden irgendwas neu erfundenes oder entstandenes toll, hier Post-P, könnte aber auch Vegetarismus, Nacktbaden, Atomkraft, der buddhistische Glaube, oder das Liegefahrrad sein. Warum sind sie nicht zufrieden damit, unter Gleichgesinnten ihrer neuen Geisteshaltung zu fröhnen, warum müssen alle anderen nun missionarisch überzeugt werden, nun auch so zu handeln, warum versucht man, unbedingt eine allgemeine Vorschrift oder Regel aus einer indivuellen Verhaltensweise zu machen?

    Speziell für die Spackeria: Warum macht man sich die Sichtweise von Studivz/Google/Facebook „jeder sollte seine Daten bei uns abliefern, davon wird die Welt besser, zumindest werden wir reicher“ zu eigen, wenn man selbst nur Kunde bei denen ist und nicht bezahlter Lobbyist für die oder Angestellter bei denen?

    In einem Rechtsstaat kann man sich gegen den Staat mit der Verfassung und einem Anwalt wehren, wenn er einem zu nahe tritt. Gegen einen Konzern und seine Rechtsabteilung kann man sich nur wehren, wenn der Staat/Gesetzgeber zuvor entsprechende Regeln erlassen hat und willens ist, den Konzern auch mal zu gängeln und einzuschränken. Macht er das lieber nicht („Arbeitsplätze, Wirtschaftsstandort ist wichtiger“), verzichtet er auf das Primat der Politik, ist man dem Konzern so ausgeliefert wie die Lidl-Kassiererinnen es lange waren, oder die Werbeanruf- und Abofallen-Opfer. Oder?

    • tante schreibt:

      Ich denke, Du hast hier einfach die selbstgestellte Aufgabe der Spackeria nicht ganz verstanden.

      Wir wollen nicht die Sichtweise von Google/Facebook oder StudiVZ (gibts die überhaupt noch?) vertreten. Wir sind Forscher, Wissenschaftler.

      Datenschutz ist das bestehende gesellschaftliche Dogma, welches lange Zeit unkritisch akzeptiert wurde. Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings auf, dass Datenschutz nicht funktioniert. Wir arbeiten heraus wo und weshalb Datenschutz nicht funktioniert, um die Grundlage zu schaffen, neue und bessere KOnzepte zu entwickeln.

      In dem Kontext Verweise ich nochmal auf die Selbstbezeichnung: „die datenschutzkritische Spackeria“. Das steht nichts von Postprivacy, es geht wirklich ganz spezifisch darum, die Idee „Datenschutz“ als das zu entlarven, was sie ist; nämlich eine Farce. Sicherlich gibt es innerhalb der Spackeria auch Postprivacy-Fans, aber nicht alle innerhalb der Spackeria würden sich als solche bezeichnen. An der Stelle muss man schon sauber trennen.

      Um mal ein größenwahnsinniges Beispiel zu machen: Als Galilei das heliozentrische Weltbild propagierte, tat er das nicht „um die Sichtweise der Satanisten oder Atheisten“ zu vertreten, sondern, weil der die Welt betrachtete und gewisse Widersprüche im herrschenden Weltbild festgestellt hatte, die es aufzulösen galt. Analog wird hier gearbeitet.

      Zu Deinem letzten Absatz:
      Ja, Du kannst Dich gegen den Staat wehren. Wie gut klappt das so in der letzten Zeit mit Blick auf den ganzen Maßnahmenkatalog, der im Kontext der „Wir werden alle sterben!!111“-Terror Diskussion ausgerollt wird?
      Und das Primat der Politik über die Konzerne ist in einer globalisierten Welt eh eher Wunsch als Realität: Wenn Gesetze hier nicht passen, zieht das Unternehmen einfach weiter (vgl. Stammzellenforschung, Steueroasen usw). Der Staat „verzichtet“ also nur auf etwas, was er eh schon lange nur noch sehr eingeschränkt hat.

      Gesetze haben einen Geltungsbereich welcher sich gerade im Internet aber auch an vielen anderen Stellen keineswegs mit dem Bereich in dem Firmen Aktiv sind deckt oder auch nur überschneidet. Eine US-Firma mit US-Servern interessieren deutsche Datenschutzgesetze schon rein logisch nicht, eben weil sie in den USA keine Geltung haben.

      • det schreibt:

        Wenn die „Idee“ Datenschutz eine „Farce“ ist, was ist dann so verkehrt an Videoüberwachung? Welches Recht habe ich dann, mich unbehelligt und unbeobachtet im öffentlichen Raum zu bewegen, ohne dass Daten davon erhoben und verbreitet werden? Das sehen ja sowieso schon andere Menschen, durch die Technik dann eben ein paar mehr.

        Datenschutz „ist“ nicht überholt, was soll das denn für eine „wissenschaftliche Erkenntnis“ sein, und was für eine Wissenschaft? Das ist keine Entdeckung, sondern nur eine Ansicht und Geisteshaltung.

        Datenschutz ist genauso wie Menschenrechte, ein Grundeinkommen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, oder das ganze Konzept von Demokratie, eine politische Forderung. Wenn eine Mehrheit diese Forderung stellt, wird sie in einer Demokratie durchgesetzt, und Zuwiderhandeln wird sanktioniert.

        Man kann selbstverständlich der Meinung sein, Menschenrechte, ein Grundeinkommen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, oder das ganze Konzept von Demokratie seien Fehlentwicklungen, unrealistisch, nicht machbar oder passten nicht mehr in unsere Zeit. Auf irgend eine Wissenschaft kann man sich dabei aber nicht berufen. Genauso ist es mit dem Datenschutz.

        Ich habe ein Interesse daran, weil ich öffentliches von privatem Handeln getrennt sehen will. Wenn ich mich auf dem Marktplatz eine Rede halte, bedeutet das nicht, dass danach irgendjemand mitkommen und zugucken darf, wenn ich hinterher unter der Dusche stehe, oder meine Telefongespräche mit meinen Freunden belauschen darf. Außer, ich beschließe, Telefongespräch und Duschfotos zu veröffentlichen, um die Welt daran Teil haben zu lassen.

        Facebook hat ein anderes Interesse, und Zuckerberg vertritt ja sehr ähnliche Ansichten wie ihr. Bei ihm ist das sein Geschäftsmodell – er möchte Einblicke in Freundschaftsstrukturen, Präferenzen und Meinungen an Andere verkaufen (diese halten sich übrigens dann gerne bedeckt, und machen ihre Verwendung der Daten nicht öffentlich). Warum sollte ich nun mein eigenes Interesse aufgeben, und mich euch und Zuckerberg anschließen, wenn nicht ich, sondern nur der Herr Zuckerberg aus der Veränderung dieser Normen einen finanziellen Vorteil zieht? Warum haben Tagebücher Schlösser und Fenster Gardinen? Was ist mit Geschäftsgeheimnissen und Krankenakten?

        • tante schreibt:

          Was hier kollidiert sind ja die legale Situation und die Realität.

          Natürlich können wir Gesetze erlassen, die zum Beispiel verbieten, den öffentlichen Raum Videozuüberwachen. Wenn aber nun eine Person oder Firma ein irgendwie gelagertes Interesse hat, den Raum zu überwachen, dann kann sie das erstmal tun, wenn sie sich nicht dämlich anstellt. „Ok, dann überwachen wir alle, dass die keine Überwachungshardware an den Start bringen“ – nee auch Käse ist ja wieder nur Überwachungsstaat.

          Weiterer Teilaspekt: Die Firma darf nicht Videoüberwachen vor ihrem Eingang. Sie kann aber durchaus Menschen da hin platzieren, die den Bereich mit ihren Augen „überwachen“. Und dann können Sie auch „bezeugen“, dass Du da letzten Donnerstag um 14 Uhr warst. Ist teurer, aber auch gut machbar.

          Datenschutz als Idee funktioniert theoretisch, zerfällt aber in der Realität und das ist eben das Problem: Die Sicherheit, die durch Gesetze vorgegaukelt wird, die es aber nicht durchsetzbar gibt.

          Und nur um es nochmal aufzugreifen:
          Niemand fordert, dass alle Duschen überwacht werden oder gefilmt werden dürfen. Es geht darum, Dir verständlich zu machen, dass Du nicht in der Öffentlichkeit (und dazu gehört das Internet) agieren kannst, ohne auffindbar zu werden. Was Du da rauspumpst hat immer irgendwelche „Fingerabdrücke“ von Dir und da hilft Dir kein Gesetz weiter.

          Abschließend:
          Menschenrechte als Grundrecht begründet man ethisch. „Datenschutz“ begründet man nicht ethisch, sondern als „Mechanismus“ zum verwirklichen von Grundrechten. Mechanismen sind austauschbar, die Grundrechte nicht. Ganz einfach.

          • det schreibt:

            Seid ihr denn auch gegen geheime Wahlen?

          • tante schreibt:

            Ich bin nicht gegen geheime Wahlen, bin da aber auch nicht dogmatisch.

            Wenn man Liquid Democracy mal zuende denkt, dann wird man dafür den „geheimen“ Teil der Wahl fallen lassen müssen und mich persönlich würde wirklich mal interessieren, welche Konsequenzen das hat (z.B. durch die Transparenzmachung von Lobbying).

            Auch „geheime“ Wahlen sind ja nur ein Mechanismus, um die Menschen von etwaigen Sanktionen für bestimmte Wahlen fernzuhalten. Und wie jeder andere Mechanismus muss man sich immer mal wieder die Frage stellen, ob er noch das tut was er soll und obs nicht was besseres gibt.

  7. det schreibt:

    Noch eine Frage, dann bin ich weg:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Panopticon

    Könnte man Benthams Panoptican als vergleichbar mit eurer Utopie von der Gesellschaft betrachten? Und glaubt ihr, das gewährleistet wirklich Freiheit und individuelles, vielfältiges (aber dabei nicht immer „richtiges“) Verhalten? Oder übt es nicht eher sozialen Druck aus, sich möglichst immer (nach einer gerade aktuellen Definition) „richtig“ / „wünschenswert“ zu verhalten (selbst wenn es nur missmutige Verstellung ist) ? Solche Mechanismen und Gruppendruck gibt es natürlich schon jetzt. Aber sie sind nicht absolut, nicht einheitlich, und es existieren parallel Freiräume wie zb. das Netz.

    • fasel schreibt:

      Nein, das Panopticon ist nicht vergleichbar, weil ich auch den Wärter und den Zellennachbar sehen kann.

      Die Mechanismen hinter sozialem Druck sind komplex und man kann es schwer abschätzen. Meiner Einschätzung nach entwickeln wir uns gesellschaftlich Richtung städtischer Toleranz und Egalität und nicht Richtung dörfischem Konformismus. Für eine Balance zwischen sozialen Druck und freier Entfaltung wird hoffentlich auch weiterhin die Rebellion der pupertierendend Jugend sorgen.

  8. schlingel schreibt:

    Blabla – Viele Worte für:

    Ja, ihr habt recht. Blöd gelaufen.

    Aber wir überdenken unsere Position kein bisschen und schieben es auf „die Gesellschaft“ – die wird’s schon richten.

    • tante schreibt:

      Sehr geehrter Herr Schlingel,

      mit großer Bestürzung habe ich Ihren Kommentar auf meinen Artikel zur Kenntnis genommen. Sicherlich kann man mich für eine zu ausschweifende Sprache kritisieren – eine Kritik, der ich mich selbst anschließe – aber Ihre weiteren Schlussfolgerungen wollen mir nicht so recht einleuchten.

      Der Artikel beschränkt sich, neben der kurzen Zusammenfassung des Ereignisses der Tagespresse, auf zwei Aspekte. Einerseits auf die Illustration, dass der traditionelle Datenschutz in diesem Kontext keinen Schutz für den Whistleblower bieten kann. Andererseits auf die Verdeutlichung und Einordnung der Problemstellung im Kontext des Arbeitsprogramms der Spackeria.

      Folglich kann der Text auch gar keine großen Veränderungen meiner Position darstellen (selbst wenn es diese gäbe), weil die grundsetzliche konzeptionelle Ausrichtung eben keine neu schaffende, sondern eine beschreibende und einordnende ist. Sie scheinen an dieser Stelle leider Dinge vom Text zu erwarten, die dieser konzeptionell nicht liefern kann.

      Des weiteren, lieber Herr Schlingel, muss ich ihrer arg verkürzten Zusammenfassung leider eine sehr geringe kongruenz mit den im Text dargestellten Konzepten und Gedanken attestieren. Sie scheinen mit einer gewissen Erwartungshaltung an diesen Text herangetreten zu sein, was Sie leider dazu verleitete Dinge in ihn hineinzulesen, welche nicht textimmanent sind.

      Von daher danke ich ihnen für Ihre bemühte Mitarbeit, auch wenn sie die Diskussion inhaltlich in keiner Weise bereichern konnte.

      Mit freundlichen Grüßen

      tante

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