Der Kampf um die Informationsfreiheit

Ich reposte hier einen alten Artikel von mir der 2009 kurz nach der Wahl entstanden ist. Einiges hat sich seitdem geändert aber er hat trotzdem nichts an seiner Aktualität verloren.

Ich habe seit meiner letzten Erkenntnis zum Thema Informationszeitalter weiter über das Thema nachgedacht. Zuerst einmal fällt auf, dass die Begriffe Informationszeitalter und Informationsgesellschaft das ganze eigentlich nicht greifen. Denn diese Begriffe sind für unserere aktuelle Gesellschaft geprägt worden. Nicht zu Unrecht wird unsere Gesellschaft deshalb auch oft als Übergangs- oder Transformationsgesellschaft bezeichnet. Ich will aber gerade über das schreiben, was vor uns liegt. Und diese Gesellschaft, die wir erleben könnten, ist eine gänzlich andere Gesellschaft als die jetzige, da die Menschen in ihr ganz anders mit Informationen umgehen (müssen).

Das ganze wird sich an einer der wichtigsten Fragen unserer Zeit, der binäre Gretchenfrage, wie mspro sie so schön nannte, entscheiden. Diese lässt sich zu Informationskontrolle versus Informationsfreiheit kondensieren. Informationsfreiheit bezeichnet hierbei, dass einem Bürger alle möglichen Informationen jederzeit zur Verfügung stehen.[1] Momentan herrscht bei den Mächtigen die Tendenz zur Informationskontrolle vor. Dummerweise gehen bei diesen plumpen Versuchen immer mehr Grundrechte über den Jordan oder werden bis zur Unkenntlichkeit beschnitten.

Um die Beweggründe für diese Vorgehensweise verstehen zu können, muss man sich erst einmal vergegenwärtigen, was ein Leben in der absoluten Informationsfreiheit von einem Menschen abverlangt. Dies ist vor allem erst einmal ein weitaus offener und bewussterer Umgang mit Informationen. Denn wenn man einen riesigen Informationsfluss aus verschiedensten Quellen anzapfen kann, dann tritt immer mehr der Inhalt dieser Informationen in den Vordergrund. Oder anders gesagt: man akzeptiert zuerst alle Informationen an sich um sie dann nach Sinnhaftigkeit, künstlerischen Wert, Aussage, Intention und sonstigen praktischen Kategorien zu ordnen. Die Informationen werden also nicht mehr ideologisch sondern individuell bewertet. Dies erfordert von den Menschen natürlich auch, dass sie sich mehr mit dem Themenfeld der Information auseinandersetzen um diese auch bewerten zu können. Wenn man aber nun jeder Information gleich gegenüber steht, dann resultiert daraus auch, dass man nicht gewisse Informationen als absolute Wahrheit annimmt.

Und gerade das ist der Knackpunkt, weshalb die Nutznießer der bestehenden Ordnung rund um den Globus versuchen, das Netz unter Kontrolle zu bringen. Wir leben in einem politischen System, welches darauf basiert, dass der konform geprägten Masse durch eine Mischung aus Angst, Sex und Hass ihre Meinung in wichtigen Fragen präsentiert, ja quasi diktiert, wird. Das hat die Wahl am letzten Sonntag in erschreckender Weise gezeigt.[2] Aus einer individuellen Wertung der Informationen folgen individuelle Weltbilder, Meinungen und Geschmäcke, kurz gesagt: eine nonkonforme Menschenmenge und somit Bürger, die sich mit den jetzigen Mitteln nicht steuern lassen.

Deshalb mag es einen auch so vor kommen, als würde da die alte Welt verzweifelt versuchen, dass nächste Zeitalter, die nächste Epoche der Menschheitsgeschichte aufzuhalten, ja, am besten nie eintreten zu lassen. Und sie sind dafür bereit alles zu opfern, für das unsere Vorfahren ihr Blut auf den Straßen vergossen haben. Wir müssen uns darüber klar werden, dass die jenigen, die gerade darüber an der Macht sind[3], die menschliche Evolution mit allen Mitteln verhindert. Die versuchte Internetzensur in den Industrieländern ist nur ein Beispiel dafür.

Dieser Kampf findet nicht mehr auf der Straße statt, er findet in den Köpfen der Menschen statt. Seine Waffen sind nicht Gewehre und Barrikaden sondern Feuilletons, TV-Sendungen, Radiobeiträge und Blogs. Und wir können ihn nur durch Aufklärung gewinnen. Das mag zwar frustrierend langsam von statten gehen, aber ich glaube daran, dass die Zeit für uns arbeiten wird.

Fußnoten:

  1. Dies ist für uns momentan noch schwer greifbar. Informationskontrolle, sowie der daraus resultierend Informationsvorsprung, ist ein zentrales Moment unserer Selektionsmechanismen und Verwertungsrechte sowie Grundlage in unserem Umgang mit anderen Nationen.
  2. Es wird aber nicht erst seit gestern thematisiert. Interessierten Lesern sei das Studium von Theodor W. Adorno oder John Pilger an das Herz gelegt.
  3. indem sie die öffentliche Meinung & Vorlieben diktieren
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Über acid

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4 Antworten zu Der Kampf um die Informationsfreiheit

  1. schrotie schreibt:

    Alles völlig richtig. Erklär mir doch mal wer, wieso dann kaum jemand weitgehende Informationsfreiheit fordert? Das heißt u.a. eine völlige Abschaffung des Copyright, eine völlige Transparenz von Unternehmen und Verwaltungen, eine weitgehende Umgestaltung des Patentrechts und de-Anonymisierung der öffentlichen Akteure wie z.B. hier beschrieben. Selbst die Spackeria scheint da erhebliche Berührungsängste zu haben.

    • acid schreibt:

      Die Erklärung, die ich liefern kann, ist so simpel wie deprimierend:

      Erstens wird die Informationsfreiheit massiv unsere Kultur und damit unsere Gesellschaft ändern. Das finden wir beide gut, weil wir ungefähr die selben Effekte erhoffen (von dem, was ich so dem Überfliegen deines Blogs entnehmen konnte), aber Veränderung ist nicht beliebt bei der breiten Masse der Menschen unseres Kulturkreises. Der Großteil will doch lieber im (relativ) sorgenfreien vorgegebenem Leben bleiben. Davon ausgehend, dass alles schon irgendwie funktionieren wird.
      Außerdem tun sich ja selbst diejenigen, die gerade so erahnen, was für Konsequenzen dieser Medienwandel mit sich ziehen wird, schwer damit, diese auch zu akzeptieren. Und ich möchte mich dabei wirklich nicht ausschließen!

      Zweitens braucht es einiges an Interesse und Zeit um sich erst einmal selbst das große Bild zu verschaffen. Um auch nur einigermaßen die vielen Faktoren überblicken zu können, die unser komplexes Gesellschaftssystem beeinflussen. Wohlgemerkt, dabei auch noch die Lügen für die nicht-wissen-wollenden und für diejenigen, die die Lügen für die ersteren nicht glauben wollen, anzweifelnd! Davon gibt es nicht viele.

    • schrotie schreibt:

      Ja, die Angst vor Veränderung, da habe ich ein hervorragendes Argument. Ich bin bald 40. Die Veränderung, die ich (seit den 70ern also) erlebt habe ist so umfassend, man sollte meinen, das sei kaum zu toppen. Und doch scheint sich unsere Kultur anzuschicken, alles nochmal massiver umzukrempeln als in der Vergangenheit. Wenn ich es schaffe, meine Lebenserwartung zu erfüllen, wird die Welt wohl nicht wieder zu erkennen sein – egal was wir jetzt tun. Ich werte das nicht, ich habe mich damit abgefunden. Aber das bedeutet, dass Angst vor Veränderung absolut kein Argument ist, die ist ohnehin unausweichlich.
      Und ich bin sicher, wir können, Du und ich und andere die ähnlich denken, wir können etwas ändern. Wir können uns mit Hilfe des Internets organisieren und dabei eine neue gesellschaftliche Organisationsform entwickeln, die besser ist als dieser Wahnsinn hier. Das können wir heute anfangen. Worauf warten wir?

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