Kritik an der Datenethik

Seit einigen Tagen geht ein neues Konzept einer so genannten „Datenethik“ herum. Und während ich es begrüße, dass sie sich ein wenig vom ziemlich ausgelutschten Datenschutz Paradigma entfernt und den Fokus verschiebt, so habe ich doch einige Inhaltliche Probleme mit der Ethik, die ich im Folgenden zusammenstellen möchte. Aber lest bitte zuerst mal den Entwurf. Ich warte.

(Den Prolog werde ich an dieser Stelle ignorieren und mich auf den „Manifest“ Teil konzentrieren.)

„Du bestimmst über deine Daten.“

Der Ansatz an sich ist ja gar nicht so verkehrt. Es wird von der Verpflichtung des oder der Einzelnen gesprochen, bewusst zu entscheiden, was veröffentlicht werden soll. Auch interessant finde ich die Andeutung der Verplfichtung, die eigenen Wünsche in Bezug auf Daten klar formulieren zu müssen. So weit so gut.

Doch deutet die Formulierung „bestimmen“ eine Form der Kontrolle an, die es nicht gibt, Daten die ich nur meinen Freunden zeigen will, können immer noch gegen meinen Willen verwendet werden.

Was hier eigentlich gefordert ist ist die Kombination aus „mache eindeutig klar, was Du wirklich willst“ und „halte Dich bitte an die Wünsche Deiner Mitmenschen“. Das ist so erstmal sicherlich eine Verbesserung des Status Quo, funktioniert aber wiederum nur in einem Umfeld wo alle sich respektieren und nett zueinander sind.

Der implizite Wunsch ist ein ehrenwerter, das Problem ist hier wiederum die Durchsetzung der Umsetzbarkeit, eine schwächere und klarer fokussierte Formulierung hätte hier deutlich bessere Dienste geleistet.

„Privatsphäre beginnt dort, wo dein Gegenüber seine Grenze zieht, nicht aber dort, wo du sie ziehen würdest.“

Die Formulierung ist sehr unklar: Eigentlich soll nur gesagt werden, dass jede Person eine andere Sicht auf Privatsphäre hat und man die eigene Sichtweise nicht auf andere anwenden soll („Privatsphäre ist ser individuell und zu respektieren“ wäre präziser gewesen). Privatsphäre individueller aufzufassen halte ich zwar durchaus für eine gute Heuristik, es macht aber den rechtlichen Umgang damit signifikant schwieriger: Statt eines Konsenzkonzeptes von Privatsphäre zwingen wir jede Person ihre eigene Privatsphärendefinition zu formalisieren um uns den Umgang mit dieser Person zu erlauben: Ich kann keinen Satz über ein Treffen von mir und PersonX posten, solange ich nicht von PersonX formal bestätigt habe, dass das mit der Privatsphärendefinition von PersonX konform geht.

Des weiteren öffnen wir natürlich auch Missbrauchspotential indem Menschen diverse Dinge, die wir gesellschaftlich und legal sanktionieren wollen (Gewalt gegen andere, Gesetzesbruch etc), in ihre schützenswerte Privatsphäre verschieben dürfen. Eine Maximalausdehnung wird leider nicht mal angedeutet.

„Veröffentliche keine Daten Anderer ohne Erlaubnis, wenn nicht ausnahmsweise die Öffentlichkeit ein berechtigtes Interesse daran hat.“

Guter Ansatz. Im Prinzip schon im ersten Punkt abgedeckt, aber sicherlich als Handlungsanweisung gut.

„Menschen haben ein Recht auf Anonymität und Pseudonymität.“

Unbestritten, auch wenn in der Erklärung ein eher schwammiger Begriffcocktail aus „Identität“ und (implizit) „Realname“ gemixt wird, den man sicher deutlicher voneinander Abgrenzen müsste.

Des weiteren ist der eigene Name natürlich nur eine Facette der eigenen Identität und wie im ersten Abschnitt beschrieben, darf und muss man da Nutzungsrechte dranhängen. Im Prinzip ist diese Aussage also überflüssig.

„Veröffentliche keine Daten, die nicht öffentlich sein sollen.“

S.o. Schon im ersten Abschnitt wurde von Menschen gefordert klarer zu entscheiden, was von sich man veröffentlichen will, von daher ist der Aspekt nichts neues. Im Gegenzug ist natürlich das Akzeptieren des viel zitierten Kontrollverlustes als echter Fortschritt zu werten, es zeigt deutlich, dass die Autoren des „Manifests“ die technischen und mechanischen Hintergründe nicht negieren sondern klar adressieren.

„Öffentliche Daten sind öffentlich, du kannst sie nicht zurückholen.“

Redundant.

„Auch wenn private Daten bereits öffentlich sind, verbreite sie nicht dem ausdrücklichen Wunsch des Betroffenen zuwider weiter, es sei denn, es besteht ein berechtigtes Interesse daran.“

An sich redundant, aber natürlich eröffnet man hier nebenher die Diskussion darüber welches Interesse „berechtigt“ ist und inwieweit diese „Berechtigung“ die im zweiten Punkt geforderte Definitionshoheit des Einzelnen ausser Kraft setzt.

„Jeder Mensch hat das Recht, öffentliche Daten zu nutzen und zu verarbeiten.“

Hier haben wir das Problem der „öffentlichen Daten“. Welche Daten sind öffentlich? Alle Daten, die niemand durch eigene Definition in den eigenen Privatsphärenraum verschoben hat?

„Deine Daten können Gutes schaffen. Entziehe sie nicht der Allgemeinheit, wenn sie deine Privatsphäre nicht bedrohen.“

Szenenapplaus von mir für diesen Satz! Endlich eine aus der Datenschutzsicht stammende Publikation die klar auch den Nutzen des Teilens aufgreift und thematisiert. Wundervoll!

„Fordere nichts Unmögliches.“

Hier wird nun das Zugeständnis zur faktischen Welt gemacht und in einem Nebensatz „dass es technische und soziale Grenzen bei der Umsetzung deiner Entscheidung gibt“ die hier schon mehrfach angesprochenen Probleme, die aus der technischen Nichtumsetzbarkeit von Datenschutz und Rightsmanagement entstehen, angesprochen. Wie groß der Impact dieser Aspekte ist, geht so leider unter.

„Verzeihe, wo du nicht vergessen kannst.“

Diesem Punkt stimme ich wiederum unumwunden zu.

Zusammenfassung:

Insgesamt begrüße ich den Schritt, den die Autoren gemacht haben. Gerade das Abrücken vom Datenschutzbegriff eröffnete eine Menge neuer Sichtweisen, die die Diskussion bereichert haben und das Datenschtuzdogma auf eine sehr konstruktive Art und Weise aufgerüttelt haben.

Rein formal bleibt zu kritisieren, dass einige Begriffe wie beispielsweise „öffentliche Daten“, „Privatsphäre“ und „Identität“ nicht klar definiert und in sich schlüssig verwendet werden und dass sich einige Punkte wiederholen, was wiederum vielleicht aber auch dem Textformat „Manifest“ geschuldet ist.

Gerade der zweite Absatz („Privatsphäre beginnt dort, wo dein Gegenüber seine Grenze zieht, nicht aber dort, wo du sie ziehen würdest.“) eröffnet eine Menge Probleme, wenn man das mal zu Ende denkt, hier fehlt eine definierte Obergrenze.

Was mir besonders gefällt an dem Text ist der klare Fokus auf den Menschen und das weggehen von den Daten als einziger Fixpunkt. Es geht darum wie man miteinander umgeht („vergeben“, „Rechte anderer“ usw) und das ist meiner Meinung nach die einzige Betrachtungsweise, die irgendwie zielführend ist.

Vielen Dank an die Originalautoren Benjamin Siggel und Michael Vogel (glaube ich?), auch wenn ich dem Text nicht in allem zustimme und noch Schwächen sehe, stellt er eine große Bereicherung der Diskussion dar.

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15 Antworten zu Kritik an der Datenethik

  1. Ike schreibt:

    Hi!

    Danke für die Betrachtung unseres Textes! Ich freue mich, dass auch die Spackeria grundsätzlich dem Inhalt zustimmt!

    Zu:
    „Des weiteren öffnen wir natürlich auch Missbrauchspotential indem Menschen diverse Dinge, die wir gesellschaftlich und legal sanktionieren wollen (Gewalt gegen andere, Gesetzesbruch etc), in ihre schützenswerte Privatsphäre verschieben dürfen.“

    Nö. Denn es heißt in einem anderen Abschnitt:
    „Eine Ausnahme gilt für den Fall, dass das öffentliche Interesse an einer Veröffentlichung gegenüber dem Interesse des Individuums deutlich überwiegt, beispielsweise, wenn du Straftaten, Korruption oder andere Missstände aufdecken willst.“

    Zu:
    „Ich kann keinen Satz über ein Treffen von mir und PersonX posten, solange ich nicht von PersonX formal bestätigt habe, dass das mit der Privatsphärendefinition von PersonX konform geht.“

    Richtig. Wenn Du weißt, dass die Person nichts dagegen hat, sende es in die Welt. Wenn Du es nicht weißt, postest Du halt „ich war mit einem Freund unterwegs“. Ich kenne Leute, die z.B. nie auf Bildern abgelichtet werden wollen, die veröffentlicht werden sollen. Das respektiere ich natürlich. Und grundsätzlich wird man bei seinen Freunden schnell wissen, was man von ihnen veröffentlichen darf und was nicht.

    Es muss dabei aber nicht „formal“ sein, man sollte nur ggf. kurz nachfragen. Und wenn man gerade im Café am twittern ist, ist ja auch die kurze Frage: „Darf ich eigentlich Deinen Namen erwähnen“ nicht so das große Problem.

    Zu den Begriffsdefinitionen: Ja, man kann sicherlich einiges noch besser formulieren, klarer ausführen, etc. Aber ich hoffe (und denke), dass der Grundgedanke klar wird.

    Michael

  2. Pingback: Kritik an der Datenethik | tante's blog

  3. tante schreibt:

    Naja „die Spackeria“ gibts ja so nicht als Ding 😉

    zu „Ausnahme“:
    Hier haben wir einerseits das Problem der Unschärfe (was genau ist öffentliches Interesse) und andererseits für nicht groß öffentliche Fälle das Problem, dass eben doch jeder/jede einzelne seine/ihre Privatsphäre massiv ausdehnen kann ohne Begrenzung (weil eben das öffentliche Interesse nicht greift). Ich denke da an so Leute, die glauben ihre Hausfassade sei Privatsphäre z.B.
    zu 2:
    Das skaliert aber nicht sonderlich gut. Was ist, wenn ich die Kontaktaddresse der Person nicht habe? Da fehlen sinnvolle Standards um Zusammenleben möglich zu machen.
    zu 3:
    Doch das muss formal sein, weils ja dann auch um Rechte geht, deren Missachtung wir gesellschaftlich sanktionieren wollen. Daher ist nur zur Beweisführung explizit notwendig, wenn man das so machen will.
    zu 4:
    Der Grundgedanke ist klar geworden, ich glaube nur, dass in den Begriffsdefinitionen noch ne Menge Musik steckt, also Probleme, die erst auftreten, wenn man solche Begriffe wirklich mal versucht festzunageln.
    Danke für den Kommentar!

  4. Zur Kritik der offenen Begriffe:

    Natürlich können für eine unendliche Anzahl von Fällen geschaffene Normen niemals alleine eine Antwort auf jede Frage geben. Das ist aber auch nicht nötig, weil wir, die Menschen, die mit einer ethischen Normen leben, diese ausfüllen.

    Nehmen wir konkret das Beispiel der Mitteilung an andere Menschen, wie mit den eigenen Daten zu verfahren ist. Natürlich ist es nicht erforderlich, jedem Byte hinterherzufunken. Schließlich kristallisiert sich eine Sozialüblichkeit heraus: Privat gemachte Nacktfotos veröffentlichen – hmm, lieber mal vorher fragen. Foto vom Haus einer Person? Das wird wohl okay sein, wenn ich nichts anderes höre. Eine private geschickte eMail weitergeben? Das macht man wohl nicht einfach so, aber es kann trotzdem gute Gründe dafür geben. So meine Einschätzung, und wenn ich mit der falsch liege, wird mir der Betroffene auf die Füße treten – und ggf. auch mein soziales Umfeld. Das ist die Sanktion und zugleich ein Akt der kollektiven Selbstvergewisserung.

    Ein Beispiel aus einem anderen Bereich: Wenn ich einen anderen Menschen anlache um eine intime Beziehung zu etablieren, gibt es auch eine Sozialüblichkeit in vielen Belangen. Zum Beispiel geht der andere meist davon aus, dass ich nicht noch anderweitig intime Beziehungen unterhalte. Wenn ich das tue, wird man daher mit Recht von mir verlangen, dass ich das rechtzeitig klarstelle. Dagegen würde meine Entgegnung „hättest halt sagen müssen, wenn dich sowas stört“ auf wenig soziale Bestätigung stoßen.

    Die Datenethik ist keine Antwort auf alle Einzelfälle, das kann eine Ethik auch niemals sein. Aber sie schafft ein Grundgerüst, innerhalb dessen sich Einzelfälle einordnen und ein ethisches Feeling sich entwickeln kann.

    „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“ definiert deshalb ebenfalls nicht, was öffentlich und was privat ist. Trotzdem gibt sie eine klare Richtung vor.

    Genau das soll auch die Datenethik leisten – und „nur“ das kann sie auch leisten.

    • tante schreibt:

      Ich habe hier ein kleines Problem: Du sagst, es kristallisieren sich Normen und Standards heraus (definitiv!) und an denen orientiert man sich (auch klar). Nun publiziere ich das Bild der Hausfassade einer Person (weil ist ja wohl OK), die Person wertet das als Eingriff in ihre Privatsphäre (was sie nach dem ersten Grundsatz auch darf). Nun ist das Bild aber in der Öffentlichkeit, gespiegelt, kopiert und weiterverbreitet, ich kann also den Schaden nicht reparieren.

      „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“ reimt sich zwar und ist auch griffig, hat aber aufgrund der schwammigen Begriffe und ihrer Nicht-definiertheit meiner Meinung nach keinen nennenswerten normativen Wert.

      Nun stimme ich Dir durchaus zu, dass eine Ethik eben kein Gesetzestext ist und weniger detailverliebt arbeiten darf, doch seine Ethik so stark auf unterdefinierten Begriffen abzustützen halte ich für problematisch, eben weil man so beliebig Beispiele konstruieren kann, bei denen die Ethik ihren Dienst nicht mehr tut. Und das wäre schade, denn Euer Ansatz hat nicht nur Charme sondern auch einiges an Potential.

      • Zur Häuserfassade: Wenn das so passiert, kommt die Person danach auf dich zu und sagt: „Hey, wie konntest du einfach meine Hausfassade veröffentlichen? Das tut man nicht!“ Dann sagst du: „What? Ist doch nur ne Hausfassade!“ Ihr habt einen unterschiedlichen Standpunkt und ihr werdet zum einen anfangen zu argumentieren. Zum anderen aber gibt es eine soziale Rückkopplung: Die Person wird mit anderen darüber sprechen „Ey, die tante hat einfach meine Hausfassade veröffentlicht, was ein Arsch!“ und es erfolgt eine Rückvergewisserung, inwieweit die eigene Einschätzung geteilt wird.

        Wenn die andere Person erfährt, dass sie relativ vereinzelt dasteht mit ihrer Definition – Hausfassade = Privatsphäre, die geschützt werden muss – dann wird man von dir nicht verlangen, dass du das hättest wissen müssen, wohl aber, dass sie es dir hätte sagen müssen. Umgekehrt, wenn du daneben liegst, und eine relevante Menge an Menschen deinem Gegenüber zustimmen, wird es eher deine Pflicht sein, die Veröffentlichung vorher abzuklären. So entsteht eine gesellschaftliche Norm.

        Das der Schaden nicht immer behoben werden kann, stimmt. Deshalb gibts dann ja:

        „Auch wenn private Daten bereits öffentlich sind, verbreite sie nicht dem ausdrücklichen Wunsch des Betroffenen zuwider weiter, es sei denn, es besteht ein berechtigtes Interesse daran.“ und „Verzeihe, wo du nicht vergessen kannst.“

        Zu „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“ – doch, das hat einen normativen Wert. Dreh den Satz doch mal um: „Private Daten nützen, öffentliche Daten schützen“ skizziert eine Handlungsmaxime, die einem Überwachungs- und Geheimhaltungsstaat würdig ist. Im Gegensatz dazu erfordert und fördert die zitierte ethische Maxime der Hackerethik eine offene (und vermutlich dadurch auch demokratische) Gesellschaft, in der ein Individuum ein Recht auf Privatsphäre hat. Das ändert natürlich nichts daran, dass es im Grenzbereich schwierig sein kann die Grenze zwischen „Privat“ und „Öffentlich“ klar zu ziehen – aber die meisten Alltagsfälle sind ausreichend weit von der Grenze entfernt, dass eine klare Grenzziehung gar nicht nötig ist. Und wenn es nötig wird, bist du wieder bei der Diskussion und der sozialen Rückvergewisserung, woraus sich dann wieder eine differenziertere ethische Praxis entwickelt.

        Man könnte natürlich Begriffe ein Stück weit definieren – die Frage aber ist, ob wir schon soviel Erfahrung gesammelt haben, dass das möglich ist. Denn letztlich kann eine Defintion ja nur die Ergebnisse des sozialen Verständigungsprozesses abbilden – ansonsten wird es zu einer _Vor_schrift (im Wortsinne).

        Das würde ich bei „Öffentlich“ bspw. bejahen: „Öffentlich ist jede Information, die einem unbestimmten Personenkreis zugänglich ist“. Aber bei „Öffentliches Interesse“ ist das schon schwieriger – da werden sich aber im Laufe der Zeit Fallbeispiele ergeben. Wikileaks wäre zB eines davon.

        • tante schreibt:

          Das Umdrehen des schützen/nützen Dingens hinkt ziemlich. Denn „öffentliche Daten“ sind ja wenn dann „geschützt“ nicht mehr „öffentlich“. Von der traditionellen Hackerethik im CCC Stil würde ich eher abrücken, die taugt nicht als gutes Beispiel.

          Natürlich gehen die Fuzzy Begriff im Alltag oft gut. Probleme bei solchen Regelsystemen entstehen immer nur an der Grenze, in den Extremfällen.

          Ich denke, wir kommen um eine bessere Definition der Begriffe nicht herum und das ist ja auch, was wir so diskutieren: Was genau ist Identität, was sind denn persönliche Daten bzw. gibts es das überhaupt?

          Und ganz doof gesagt: Eine Ethik ist eine Vorschrift, das ist ihre Aufgabe. Sie soll Dir die Regeln an die Hand geben, die es Dir erlauben zwischen allen Handlungsmöglichkeiten, die Dir zur Verfügung stehen, die _richtige_, die _gute_ auszuwählen. Von daher ist Vorschrift in dem Kontext gar nicht negativ (aber meint natürlich nicht „Gesetz“)

          • Ja, du hast Recht, dass das mit dem Umdrehen nicht so einfach geht. Nichtsdestotrotz bleibe ich dabei: Das hat eine normative Aussage.

            Die Sache mit der Definition – das ist halt so eine Sache. Mal davon abgesehen, dass sich sich nichts bis zum Ende durchdefinieren lässt, sind das alles gesellschaftliche Entwicklungen. Identität, Privat, Öffentlichkeit, das alles ist in einer starken Veränderung begriffen wie du ja auch selbst sagst. Niemand von uns kann das gegenwärtig definieren, weil der Selbstfindungsprozess noch am Anfang steht und ständig an Geschwindigkeit zunimmt.

            Wenn wir jetzt hingehen, und versuchen, das zu definieren, dann greifen wir diesem Prozess vor – und genau das ist es, was ich mit Vorschrift meine. In diesem Sinne wäre bspw. die Strafbarkeit von Mord oder auch „Du sollst nicht töten“ keine Vorschrift, weil die ethische Auseinandersetzung damit doch weitgehend geklärt ist. Ich brauche weder Bibel noch StGB, um keinen Menschen zu töten – weil das ethische Agreement in der Hinsicht ganz klar ist.

            Wenn aber bspw. FB inaktive Profile löschen soll, dann ist das nicht so klar. Ist es richtig zu vermuten, jemand der sein Profil verwaisen lasse, wolle eine Löschung? Wie ist das mit Toten? Der Tod und die Überdauerung des Todes (durch künstlerische Werke, Erfindungen, Kinder, Geschichtsbücher) ist ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens. Ist es dann nicht falsch, einfach die Accounts Toter zwangszulöschen und aus der Geschichte zu tilgen?

            Hier fehlt völlig der ethische Diskurs, diese Regeln sind völlig willkürlich. Das ist es, was ich im Wortsinne unter Vorschrift verstehe. Etwas, das von oben kommt, ohne das ich gefragt werde und ohne Diskussion und Überlegung, in welche Richtung wir als Gesellschaft eigentlich wollen.

            Dieselbe Gefahr sehe ich, wenn wir „Fuzzy Begriffe“ wie du schreibst, zu stark ausfüllen wollen. Mein Wunsch ist es, dass der fortdauernde Diskurs langsam dazu führt, die Konturen der Begriffe zu schärfen. Und so kann sich die Datenethik dann mit dem Prozess der Erkenntnis wandeln.

            Oder mal anders gefragt: Wie würdest du denn welche Begriffe konkret definieren?

          • tante schreibt:

            (Sorry, dass ich erst jetzt zum Antworten komme)

            Zum Thema Definitionen:
            Ihr benutzt dort Begriffe, die schon definiert und belegt sind. Solange ihr keine Definition liefert, haben wir das Problem, dass die Menschen die bestehenden Definitionen/Glaubenssätze auf Eure Ethik anwenden. Und nach dem wie ich Euren Ansatz verstehe, führt das zu einer falschen Schlussfolgerung.
            Ihr kommt nicht drumrum klar zu sagen, was für euch Identität usw. bedeuten.

            Die Definitionen der Begriffe sind absolut nicht trivial. Für „Privatsphäre“ bevorzuge ich (wie auch hier beschrieben) die Definiton on Agre: „the freedom from unreasonable constraints on the construction of one’s own identity“.
            Sicherlich fehlt nun noch eine ähnlich gute Definition für „Identity“, da suche ich auch noch.

  5. Pingback: Datenschutz als Falle | Die datenschutzkritische Spackeria

  6. (Don’t have to be sorry, I was late either 😉 )

    Mit Defintionen ist das so wie mit der Finanzkrise – das Problem wird nicht gelöst, sondern auf eine andere Ebene verschoben. Privatsphäre definierst du über Identität, Identität wirst du auch über irgendwas definieren was selbst wieder definiert werden muss usw.

    Damit will ich nicht behaupten, dass Definitionen sinnlos sind (auch wenn ich im Studium da wirklich viel nichtssagenden Mist gelernt habe). Aber Definitionsfragen sind quasi unendlich rekursiv. Wann sind constraints unreasonable? Was sind überhaupt constraints? Auch dies kannst du wieder bis ins Unendliche treiben. (BTW: Eignet sich übrigens auch hervorragend zum trollen oder rumlabern, wenn man grad keine Ahnung hat, aber was sagen muss/will: „Da müssen wir erstmal diskutieren, was X und Y bedeutet…“ So übersteht man auch tiefere Wissenslöcher in mündlichen Prüfungen ohne Holpern 😉 )

    Trotzdem finde ich den Defintionsdiskurs spannend, denn er trägt dazu bei, Worten eine möglichst klare Bedeutung und Kontur zu geben und so auch die unausgesprochenen Differenzen im Denken aufzuzeigen. Und damit natürlich auch die Datenethik Stück für Stück auszufüllen.

    Da du dich bei Identität noch nicht festgelegt hast und dies eine Frage ist, die mir auch durchaus im Kopf umherwandert und Brücken schlägt, würde ich da mal gerne meine Gedankenwelt ein wenig irritieren. Daher ein paar Fragen:
    – Woher stammt die eigene Identität?
    – Hat ein Mensch eine Identität oder sind mehrere möglich?
    – Hat das Internet Einfluss auf das Konzept Identität?

    • Mir scheint, dein Blog ist der Auffassung, die maximale Diskussionstiefe sei erreicht 😉

    • tante schreibt:

      Ein paar Antworten auf Deine Fragen (aber nur so von mir also ohne Sinn und Verstand ;)):
      – Die eigene Identität ist das selbst (ausgehend von Sozialisierung) immer weiterentwickelte „ich“
      – Ein gesunder Mensch hat genau eine Identität, aber die Identität zeigt sich nach aussen immer in beschränkten Facetten, Dein „Job-ich“, Dein „Freunde-ich“ usw
      – Nein. Das ist nur Grundlage von einer oder mehreren weiteren Facetten der Identität.

      • Sehr spannend, du vertrittst also eine singuläre Identität eines Menschen. Drei Prämissen, die zu einer Gegenthese führen:

        1. Unsere Identität ist nicht allein selbstgewählt und -konstruiert, sondern auch von der sozialen Rückkopplung bestimmt.

        2. Wir streben bzgl. unserer Identität nach Harmonie, weil Dinge, über die wir uns definieren, sich nicht widersprechen dürfen. (siehe auch „Kognitive Dissonanz“)

        3. In jedem Menschen wohnen bestimmte Strömungen, Bedürfnisse, etc., die uns durchaus prägen und antreiben, aber nicht unbedingt miteinander vereinbar sind. Konsequenz ist, dass eine singuläre Identität, wenn sie Dissonanzen vermeiden will, immer Bereiche der Persönlichkeit negieren und unterdrücken muss.

        Bisher lebten wir mit einem Namen und einem Gesicht in einem sehr engen sozialen Kreis – der Wohnort + Arbeitsstelle und die Leute, die es dort gibt. Das hat uns sehr plausibel vermittelt, das wir nicht zwei Identitäten haben können – schon allein, weil uns dann die anderen für bekloppt halten („gesunder Mensch“)…

        Nun wird der soziale Kreis mit dem Internet aber zu einem sozialen Netzwerk, der Name selbstgewählt, das „Gesicht“ ebenfalls. Wir suchen uns soziale Kreise nicht mehr (nur) nach Lokalität aus, sondern können uns nach Interessen gruppieren. Bei mehreren Interessen bedeutet dies, dass wir in voneinander völlig unabhängigen sozialen Kreisen jeweils eine Rückkopplung vornehmen können, dass wir unterschiedliche Namen tragen, je nachdem, wo wir uns bewegen.

        Meine These daher: Wir können durchaus voneinander unabhängige Identitäten ausbilden und auch gezielt nutzen, um unterschiedliche Wesensmerkmale zur Geltung zu verhelfen, ohne eine Dissonanz in „die“ Identität zu tragen.

        • tante schreibt:

          zu 1.) Natürlich beeinflussen äusseres Feedback die eigene Identitätsbildung. Aber nach meiner Definition kann Identität (da sie im Verstand einer Person liegt) nur von der Person selbst konstruiert und modifiziert werden.
          zu 2.) Das ist durchaus häufig so, und doch gibt es viele Menschen, die ihre Identität in bestimmten Kontexten ganz anders erscheinen lassen, als „normalerweise“. Das kann sein, dass ein sehr netter Mensch beim Online spielen die Sau raus lässt, oder das Auftreten vieler Menschen im Ausland (Trinken bis zum Verlust der Muttersprache usw). Wir reden uns ein, dass wir konsistent handeln, aber ich habe glaube ich noch niemals jemanden gefunden, bei dem/der das so ist.
          zu 3.) Wir sind sehr gut im kompartmentalisieren: Wer seine sexuellen Bedürfnisse unterdrückt, schafft sich beispielsweise dann einen eigenen Raum dafür. Und gerade weil wir kompartmentalisieren müssen die Dinger auch gar nicht konsistent sein.

          Unsere Identität ist wie ein geschliffener Diamant mit ganz unterschiedlichen Facetten und keine davon ist „wahr“. Es gibt nicht die „echte“ Facette, jede enthält Lügen, Unterdrückte Impulse oder Auslassungen, ganz einfach, damit wir und unsere Kreise funktionieren.

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