Das öffentliche Einkommen

Ich stiess heute über diesen Tweet auf einen Artikel in der ZeitOnline über Schweden mit dem Titel „Jeder kennt den Lohn des anderen“. Ich habe das Beispiel schon in so einigen meiner Vorträge verwendet, es wurde aber bisher in diesem Kontext noch nicht so recht diskutiert. Ein einfach zu korrigierender Missstand.

In der Bundesrepublik decken der Datenschutz und die Privatsphäre so einige Bereiche ab. Zum akzeptierten Kanon gehören unter anderem die sexuelle Ausrichtung, die politischen Ansichten, die religiösen Vorstellungen und auch im speziellen der persönliche Verdienst (interessanterweise sind das auch genau die Themen die man beim „Small Talk“ vermeiden soll).

„Über Geld spricht man nicht“ ist eines der Sprichworte, die sicherlich viele der Leser schon mal gehört haben: Aus Angst entweder als „armer Schlucker“ darzustehen oder wegen zu viel Reichtum Neider auf sich zu ziehen wird beim Gespräch über Einkommen nur rumgedruckst und werden die tatsächlichen Verhältnisse über das Anschaffen von kaum zu finanzierenden Statussymbolen wie z.B. Autos bestimmter Marken übertüncht. (Die gesellschaftliche Fixierung auf den Wert einer Person als Summe ihrer Erwerbs- und Kapitaleinkünfte tut sein übriges.)

In Schweden gibt es diese Tradition des geheimen Einkommens nicht: Schon aufgrund der Transparenz der Steuern liegen alle Einkünfte offen und können von jedem und jeder eingesehen werden. Wie der Artikel darstellt wird diese Offenheit vor allem auch dafür genutzt, die Steuergerechtigkeit zu verbessern: Sich seinen finanziellen Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber zu entziehen wird signifikant erschwert.

Diese Kultur der Offenheit besteht in der BRD nicht, ganz im Gegenteil: Nicht nur sind Informationen über Einkünfte besonders geschützt, viele Arbeitsverträge verbieten es dem Arbeitnehmer sogar, das eigene Gehalt offenzulegen.

Doch wo diese Massnahmen gerne mit dem Schutz des Einzelnen vor oben beschriebener Ausgrenzung oder Neid gerechtfertigt werden, wird an dieser Stelle vor allem verschleiert, dass eben genau Arbeitnehmer von offenen Einkommen den größten Vorteil haben.

Betrachten wir ein typisches Beispiel: Unternehmen wissen sehr genau wie viel eine Arbeitsstunde an einem bestimmten Ort wert ist; denn sie haben nicht nur einen Angestellten sondern viele. Ihnen steht also eine große Datenbasis zur Verfügung um Gehaltsgespräche zu ihrem Vorteil zu führen. Für den Arbeitnehmer sieht das anders aus: Die Mitmenschen zieren sich, über ihr Einkommen zu reden und wie die einzelne Firma zahlt ist ihm oder ihr oft auch nur ungenügend bekannt. Der Mangel an offenen Daten benachteiligt in diesem Falle ganz eindeutig die Einzelperson.

Für Freelancer ist diese Situation oft sogar noch schwieriger, da oft keine Tarifverträge zur Orientierung existieren. Auch Berufseinsteiger gehen in Gehaltsverhandlungen aus dem selben Grund oft schlecht vorbereitet.

Eine Kultur der Offenheit im Bezug auf Gehälter würde nicht nur dem oder der Einzelnen in seinen/ihren Gehaltsverhandlungen helfen sondern beispielsweise auch einen gesellschaftlichen Diskurs über Themen wie Mindestlohn, Gender Paygap, das bedingungslose Grundeinkommen oder das Existenzminimum mit belastbaren, transparenten Zahlen versorgen.

Das eigene Einkommen geheim zu halten gehört in der BRD vielleicht zum guten Ton und der Datenschutz zementiert diese Konvention noch weiter legal, doch für die einzelnen Menschen ist diese Form der Transparenzunterdrückung keineswegs so positiv, wie das gerne dargestellt wird. Weniger Privatsphäre, weniger Datenschutz wären an dieser Stelle sowohl für das Individuum als auch die Gemeinschaft sinnvoller.

Erweiterung 4.4. 13:50 Uhr: Wie ploerre im IRC anmerkte, hat Norwegen auch ein öffentliches Steuerregister, welches man unter http://skattelister.no/skatt/ einsehen kann.

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18 Antworten zu Das öffentliche Einkommen

  1. Pingback: Das öffentliche Einkommen | tante's blog

  2. Alexander Erben schreibt:

    Interessanterweise sind auch in Deutschland Klauseln in Arbeitsverträge, welche eine solche Schweigepflicht des Arbeitnehmers zum Gehalt beinhalten, gar nicht rechtswirksam: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,711601,00.html

  3. lfalkenburg schreibt:

    Tante, wie viel verdienst Du?

  4. Mathis schreibt:

    Och noe, nicht schon wieder diese Legende von den Schweden und ihrem Geld. Der Artikel ist Jahre alt, wann peilen diese deutschen, dass sich das in Schweden schon längst geändert hat?
    Auch bei uns ist jetzt Digital angesagt. Natuerlich hat das den Zugang zu den angeblich so offenen einkommensdaten verändert. Warum? Weil die Yellow Press sich als erstes drauf stürzte, danach die Versicherungen, dann allerhand marketingleute.
    Wann lernen die Leute, dass Digital auch Nachteile hat, was ist denn das für ein unreflektierter blogpost? Das ist ja schlimmer als bei Jeff Jarvis, der erzählt das auch dauernd, ohne mal zu recherchieren. Passt eben ins Weltbild. Kennt denn in Deutschland keiner einen Schweden, der mal was aktuelles dazu sagen könnte? Recherche, Hallo?

    • tante schreibt:

      Hossa Mathis!
      Der verlinkte Artikel ist „alt“, doch auch 2010 war das offensichtlich immer noch aktuell: http://www.wirtschaftsblatt.at/archiv/wir-haben-kein-steuergeheimnis-410605/index.do
      Wann genau wurde das denn geändert und in welcher Form?

      Für die Grundaussage des Artikels macht diese potentielle Veränderung schwedischen Rechts allerdings keinen Unterschied.

      • rena schreibt:

        Die Änderung in Schweden betrifft die Zugänglichkeit der Daten im Netz, die Kommunen sind dazu übergegangen, die Offenlegung wieder in analoger Form umzusetzen, um dem massenhaften Abgreifen der Daten entgegenzuwirken. Man könnte das Für und Wider nun diskutieren, scheint aber den Autor nicht zu interessieren, wie er in der Antwort auf Mathis klar macht.
        Lag Mathis mit dem geschlossenen Weltbild wohl nicht falsch. Jarvis hat gar im Januar öffentlich zugeben müssen, dass er die Änderungen in Schweden kannte. Hindert ihn auch nicht, das weiter zu verbreiten.

        Meine Mutter ist Schwedin, in ihrer Kommune gibt es die Offenlegung gar nicht. Das ist allerdings tatsächlich die Ausnahme dort.

        • tante schreibt:

          Liebe Rena.

          Ersteinmal danke für die Aufklärung: Auskunft also nicht mehr Online, nur offline.

          Jeff Jarvis wusste von der Änderung und hat sein Argument nicht angepasst: Das ist unehrlich, dem stimme ich zu. Ich wusste von der Offlineifizierung nichts, wie Dir aber vielleicht auffällt habe ich auch nicht davon gesprochen, dass der Abruf „online“ ginge, ich sagte nur, dass es in Schweden offene Informationen zum Steueraufkommen gäbe (und Du hast ja gerade bestätigt, dass dem so ist).

          Als ich sagte, dass die aktuelle schwedische Gesetzgebung keine Auswirkungen auf das Argument hat meinte ich das Folgende: Zum Zeitpunkt des ZEIT Artikels waren die Daten offen und das hatte Vorteile (die ich im Artikel angesprochen habe). Wenn Schweden das Gesetz ändert, dann wäre es halt ein historisches und kein aktuelles Beispiel. Das ändert nichts an der Qualität des Beispiels (gerade weil 2008 eben auch nicht Jahrhunderte zurück liegt).

          Ich werde in Zukunft aber wahrscheinlich eher Norwegen als Beispiel nennen, schon alleine, weil man da die Website gleich verlinken kann (siehe oben).

          Also danke nochmal für die Aufklärung über aktuelles schwedisches Recht. Nicht Danke für das persönliche Anpimmeln.

  5. Aveda schreibt:

    Es stimmt definitv, dass es schwer ist, als Berufseinsteiger, ein ordentliches Gehalt zu bekommen, wenn dieses auf Verhandlungsbasis ist. Nirgendwo findet man klare Aussagen dazu, was man verlangen darf/kann, ohne unverschämt zu wirken, aber damit man davon leben kann. Dieses Thema ist immer aktuell und es sollte endlich etwas dagegen unternommen werden.
    Grüße,
    Aveda

    Anmerkung tante: Die URLs waren kaputt, hab sie deshalb entfernt

  6. aim schreibt:

    GENAU! Offenheit und die Enttabuisierung von Einkommensgesprächen trägt ganz sicher zur besseren und gerechteren Einkommensverteilung bei – wie sowohl in Dänemark, Schweden und Norwegen zu sehen ist. Eben weil auch allen Arbeitnehmern klar ist, was eine bestimmte Tätigkeit, was Arbeit wirklich wert ist. Ich finde es sehr schade, dass Einkommen in Deutschland stets als Privatsache angesehen wird, wo es doch alle etwas angeht.

  7. amsellen schreibt:

    Ich stimme zu, dass Transparenz einer gerechteren Einkommensverteilung zuträglich sein kann. In der ganzen Debatte wird aber häufig vernachlässigt, dass gerade die Staaten – die hier als Musterbeispiele angeführt werden – (wenigstens teilweise) genossenschaftlich strukturiert sind. D.h. die Wahrnehmung des Staates und der Ökonomie stark vergemeinschaftlicht ist. Der Bürger fühlt sich in Dänemark als Teilhaber des Staates, nicht so sehr als Bürger von „Staates Gnaden“. Mitsprache im sozialen, politischen und kulturellen Kontexten ist nicht am Kapital orientiert, also nicht an der Höhe der Einlagen, sondern jedes Mitglied ist gleichberechtigt. Und das andere ist – man spricht von einem Doppelcharakter -, die Genossenschaft ist Wirtschafts- und Sozialorganisation. Als Wirtschaftsorganisation muss sie sich ökonomisch verantwortlich verhalten. Daraus wiederum resultiert, dass die Einstellung zu Gehältern und deren Höhen eine ganz andere ist. Der Wert einer Stimme wird hier nicht mehr auf Grundlage von Wertschöpfung zugeschrieben. Transparenz ist vor diesem Hintergrund nur ein kleiner Schritt hin zu einer größeren sozialen Umwälzung, wie sie der Genossenschaftsgedanke darstellt.

  8. Pingback: Aarrrr: Piraterie, und Genossenschaftsgefühle « amsellen

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