Experiment Postprivacy

Bei der Betrachtung der Spackeria ist es wichtig, die Zweigleisigkeit der Argumentationen zu verstehen.

Einerseits geht es im Rahmen der Spackeria um die Entwicklung einer Zukunftsperspektive, einer Utopie: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? Dabei ist die Denkrichtung, die hier erarbeitet wird, geprägt von einer tendenziell positiven (aber keineswegs unkritischen) Reaktion auf die Veränderungen, die das Internet in die Gesellschaft getragen hat.

Andererseits findet im Rahmen dieser Gruppe auch eine Diskussion aktueller Zustände, Ereignisse und Strategien statt: Wie sind unterschiedliche „Privatsphäre-schützende“ Technologien einzuschätzen, wie die Äusserungen einiger Datenschützer?

Aus dem Missverständnis und der Vermischung dieser zwei Denkrichtungen entstehen dann Missverständnisse im Stile von „Die Spackeria will, dass alle alles offenlegen OMGWTFBBQ!“

Ich möchte am Beispiel meiner Person versuchen, einige Details zu erklären und damit vielleicht auch den Umgang von Menschen mit den Zielen und Ergebnissen der Spackeria auf eine rationalere Basis stellen.

Ich, tante,  bin ein Postprivacy Experiment. Ich trage wahnsinnig viele Informationen über mich in die Öffentlichkeit, weil ich de facto undiskriminierbar bin: Ich bin ein weißer, heterosexueller, gesunder Mann mit einem Universitätsdiplom und einem gutbezahlten Job. Ich bin in dieser Gesellschaft nahezu maximal privilegiert.

Auf Basis dieser Situation kann ich, ohne signifikantes Risiko für mich, viele Postprivacy Lebensweisen experimentell untersuchen. Ich kann sehen, welche Vorteile ein solcher Lifestyle mit sich bringt und auch gegebenenfalls welche Nachteile.

Sollte bei diesem Experiment herauskommen, dass eine postprivate Lebensweise Vorteile bringt, folgt logischerweise als nächste Aufgabe das Entwickeln von Konzepten um möglichst allen anderen Menschen ähnliche Vorteile zu verschaffen.

Deshalb gehe ich in vielen Aspekten viel weiter als ich das vielen anderen Menschen für ihr Leben raten würde: Ich kann das durch meine privilegierte Stellung nicht nur tun, ich sehe das sogar als meine gesellschaftliche Verpflichtung, zumindest so lange, bis alle meine Privilegien abgeschafft sind (was leider so schnell nicht zu schaffen ist).

Nicht jeder Post hier, nicht jeder Kommentar ist dazu geeignet ihn direkt im eigenen Leben umzusetzen: Je nach eigenem Leben und den Zwängen, in denen man lebt, kann es sogar hochgefährlich sein. Die Spackeria bietet hier vor allem Denkanstöße, die uns allen ermöglichen sollen, gemeinsam eine positive Vision unserer Zukunft zu entwickeln und einzelne Aspekte schon heute zu erproben.

Die Spackeria beschränkt sich aber eben nicht nur darauf, das Leben in 20, 30, 50 oder vielleicht auch 100 Jahren vorzudenken, sondern nutzt ihre Kompetenzen eben auch um Aktuelles kritisch zu hinterfragen und zu kommentieren.

Vielleicht können diese Zeilen einigen Menschen helfen, die Spackeria und ihre Arbeit noch besser zu verstehen und vielleicht auch teilweise weniger panisch auf Posts zu reagieren.

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Über tante

Chimpanzee that!
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16 Antworten zu Experiment Postprivacy

  1. Alexander Erben schreibt:

    Schön formuliert. Ich sehe einige Parallelen zu Julia Schramms persönlicher Abgrenzung (keine Distanzierung) zur Spackeria als akadamischen Diskurs. Plus kritische Betrachtung von Datenschutz (keine pauschale Ablehnung). Und ja: weniger „omg, die wollen xyz“ täte der Diskussionskultur gut, auf allen Seiten und in allen Lagern.

  2. Michael Klier schreibt:

    Zu dem Punkt: „Ich bin in dieser Gesellschaft nahezu maximal privilegiert.
    Auf Basis dieser Situation kann ich, ohne signifikantes Risiko für mich, viele Postprivacy Lebensweisen experimentell untersuchen.“

    Mich würden jetzt mal „die signifikanten Risiken“ der Nicht-Priviligierten interessieren. Ich finde du vergisst zu erwähnen das du am Ende einen entscheidenden Einfluss darauf nimmst welche möglichen Risiken sich durch dieses Informationsoffenheit ergeben. Du steuerst ja immerhin noch welche Informationen du der Öffentlichkeit zugänglich machst oder nicht.

    • tante schreibt:

      Beispiele für Risiken: Wer Bezieher von staatlichen Leistungen ist, kann einen Nachteil haben, wenn er/sie von neuen Anschaffungen spricht, wer in bestimmten Städten aktiver Antifaschist ist, sollte seinen Standort vielleicht nicht publizieren etc.

      Ich persönlich beschränke mich bei der Publikation vor allem auf Dinge, die andere Menschen meines Umfeldes nicht direkt einschließen, weil ich ihnen nicht meine Lebensweise aufzwingen will, sonst beschränke ich de facto gar nichts (manchmal allerdings veröffentliche ich erst auf Anfrage, weil ja kaum abzusehen ist, was alles Menschen interessiert).

      • Michael Klier schreibt:

        Diese beiden Beispiele waren ja lange vor der ganzen Post Privacy Diskussion, ich würde sogar so weit gehen und sagen bevor der Sache mit dem Internet problematisch. Abhängig davon wie die Nachbarn so drauf waren. Das ist m.M.n. nicht wirklich etwas Neues. Im Grunde sagst du ja damit ja auch nix anderes als: Inwieweit man die Publikation von Informationen beschränkt, ist zum allergrößten Teil eine Sache der Vernunft. Und damit ergibt sich automatisch für jede Person abhängig von ihrer Situation nur eine bestimmte, und nur für diese Person gültige/gute, Ratio zwischen privat-privat-Daten und privat-Daten. Was den einen nicht tangiert kann für den anderen schlimme Konsequenzen haben. Und ich würde das mal nicht davon abhängig machen wie priviligiert man ist. Sich online für 2 Wochen in den Urlaub zu verabschieden könnte theoretisch für jemandem mit einem gut bezahlten Job z.B. weit aus schlimmere Folgen nach sich ziehen, als für einen Harz 4 Empfänger, wenn sich einer der Follower als schwarzes Schaf mit Geldsorgen entpuppt.

        (Klingt jetzt vllt. weit hergeholt aber das sich noch niemand auf so was spezialisiert hat wundert mich ja eigentlich schon. Ich schätze jetzt mal mehr als nen Monat Abendrecherche bräuchte man nicht um in der Stadt in welcher man wohnt die Blogger/Twitterer in ne Datenbank einzuhacken und dann zu warten wann der/die Nächste in den Urlaub fliegt und sich einen Tag später als spontaner Verwandtschaftsbesuch bei den Nachbarn vorzustellen.)

        • tante schreibt:

          Du hast völlig recht: Das ging (gerade in Dörfern, wo die Nachbarn einen kennen) schon immer. Das Netz und die Verdatung hat das ganze nur wieder in den nichtignorierbaren Vordergrund geholt.

          Und an diesem Punkt gibt es zwei dominierende Perspektiven: Die Privacy/Datenschutzfraktion will diese Daten irgendwie unterdrücken, die Postprivacy Fraktion versucht, aus der Situation positives zu entwickeln oder zumindest einen aufgeklärten aber angstfreien Umgang mit der Situation zu motivieren.

          Sicherlich spielen Privilegien nicht bei allen möglichen Szenarien eine dominante Rolle (das Einbruchsszenario von Dir beispielsweise), aber bei allem, wo es um die Einschätzung, die Reputation einer Person geht, kann das ganz schnell in unangenehme Richtungen ausschlagen: Wenn ich beispielsweise als Mann sage, dass ich Elternzeit nehme, gelte ich als aufgeklärt usw. als Frau wird das als Default angenommen.

          Das Problem, welches entstehen kann, ist das Menschen aus Angst vor irgendwelchen Movieplot-Threats aufhören Informationen über sich zu teilen bzw. damit nicht anfangen und das sehe ich als eine wirkliche Gefahr: Nicht nur isolieren wir uns damit voneinander und machen beispielsweise Solidarität schwieriger.

          • Michael Klier schreibt:

            „Aufgeklärt“ finde ich gut. „Angstfrei“ kann man auch mit „fahrlässig“ übersetzen. Das Problem das ich bei der Aufklärung sehe, was ich aber wohl nicht richtig rüber gebracht habe ist, das ich es als nicht-trivial erachte, zu entscheiden welche Informationen eine Person ohne Bedenken teilen kann welche nicht, und vor allem zu kontrollieren was letztendlich in ein einem der vielen personalisierten Streams auftaucht und was nicht. Mir ist zum Beispiel bewusst das wenn ich in meinem Last.fm Player den total coolen Kodek Song „Piss Me A River Jesus“ favorisiere, dieser in meinem Facebook Stream auftaucht, und damit auf dem Radar meiner 200+ Facebook „Freunde“, worunter sich auch der ein oder andere Arbeitskollege befindet, so wie zahlreiche Leute denen ich die Kompetenz vorurteilsfrei über bestimmte Musikstile und Songtitel zu urteilen abspreche. Die sozialen Konsequenzen die ein Klick haben kann, sind weder vorhersehbar noch überschaubar. Und das ist jetzt kein Movieplot-Threat. Zwei Tage nachdem ich einem Bekannten geholfen hatte einen Facebook Account einzurichten, inklusive eines gefühlt einstündigen Vortrags über eben diese Thematik, tauchte ein ominöser Link zu einem vermeintlichen Video mit Blondine und Schäferhund als Hauptdarsteller auf seiner Timeline auf – er wusste natürlich nicht wie der da hinkam. TROMMELWIRBEL. Da er sein Passwort noch nicht wie angeordnet geändert hatte, hab ich den gleich mal gelöscht. Er hatte ja schon diverse Arbeitskollegen befreundet. Bevor der Großteil der Bevölkerung über Post-Privacy nachdenkt, sollte vllt. erst die Aufklärung über den Umgang mit dem Medium an sich stehen. Dazu gehört auch etwas „Angst“, man könnte auch „Respekt“ sagen, denn ohne das kann kein verantwortungsvoller Umgang mit dem Medium entstehen.

            Das mit dem Isolieren/Solidarität müsste man mir auch noch mal genauer erklären.

            • tante schreibt:

              Nunja, die Einschätzung der Konsequenzen ist in vielen Fällen ja schon für Menschen, die sich auskennen kaum noch möglich: Wer weiß denn welche Algorithmen welche Daten einrechnen und welche Konsequenzen diese Daten haben? Ich halte die Idee der Überschaubar- und Kontrollierbarkeit für zunehmend absurd.

              @Isolation: Wenn alle über privates (Sexualität, Politische Meinung, Gehalt, usw) schweigen, existieren Dinge ausserhalb des Mainstreams nicht. Die Normalität und Verbreitung von beispielsweise Homosexualität oder Depression bekommen wir nur ins öffentliche Mindset, indem Menschen es publizieren, es sichtbar machen. Wir sollten über viel mehr sprechen um die Wichtigkeit so vieler Probleme klarer zu machen. Nimm nur Gehaltsungleichheit: In Verträgen steht heute sogar oft, dass der/die Angestellte über sein/ihr Gehalt nicht sprechen darf, dabei gehts aber nur darum den Wissensvorsprung der Firmen in den Gehaltsverhandlungen mit anderen zu stärken. Solidarität der Angestellten untereinander (zum Beispiel im Sinne von Vergleich der Gehälter) wird so unterlaufen.

              • Michael Klier schreibt:

                Also ich weiß nicht; seit gefühlten 100 Jahren wird tagein tagaus im diesen langsam veralteten Medien Fernsehen/Presse über Sexualität, Politische Meinungen, Depressionen und andere Krankheiten etc. in sog. Talkshows, Wissenssendungen, Dokumentationen, natürlich oft nicht gerade auf hohem Niveau, aber immerhin diskutiert. Auch mit Betroffenen. Die Existenz vieler Themen,mal abgesehen von irgendwelchen exotischen „Dingen“, ist dem „Mainstream“ vermutlich durchaus bekannt, aber nach wie vor, so traurig es klingt, einfach egal. Das mag jetzt hart klingen aber Toleranz und Empathie sind Dinge für die sich eine Person nach wie vor bewusst entscheiden muss – oft spielt die Häufigkeit oder Verbreitung eines „Problems/Zustands/Fakts“ dabei keine ausschlaggebende Rolle. Ich glaube nicht das PP die Lösung für diese Eigenschaft unserer Gesellschaft ist.

                Ich persönlich bin größtenteils froh das ich nicht weiß wie viel meine Kollegen verdienen. Sonst würde ich mich wahrscheinlich noch mehr aufregen. Das Wissen darüber allein würde für mich als Angestellter in einem Medien Unternehmen so ganz ohne Gewerkschaften/Tarife etc. sowieso wenig nützen ;).

  3. torsten schreibt:

    ich finde es begruessenswert, dass die spackeria nun anders daherkommt.

  4. alex schreibt:

    Weil du das hier so schön ergebnisoffen präsentierst, hier mal genauso offen meine größte Sorge was PP angeht: Es gibt keine Undo-Funktion. Wenn ich meine Daten geheim halte, kann ich sie in Zukunft immernoch publizieren. Wenn ich sie publiziere, geht die Pasta nicht zurück in die Tube. Das ist für mich ein Grund, meine Daten nur häppchenweise und so viel wie gerade nötig rauszugeben, dann spüre ich die (Teil-)Konsequenzen und habe eine Entscheidungsgrundlage für den nächsten Happen. Wenn ich einen großen Brocken rausgebe und dann die Kacke den Ventilator trifft, dann ist es zu spät das zurückzuziehen.
    Also darum jeder wie er es mag … aber wer zu unbedacht Privates nach außen kehrt muss mit Wendungen die er nicht bedacht hat rechnen.

    • tante schreibt:

      Klar: Wenn Du nichts von Dir publizierst, dann brauchst Du keine negativen Konsequenzen fürchten. Problem: Du kannst auch keine positiven erhoffen. Ist ein wenig die Frage ob man bereit ist ein Risiko einzugehen, um etwas zu gewinnen oder ob man lieber nichts gewinnt um das Risiko zu minimieren.

      (ja, das war jetzt sehr vereinfacht und plakativ, es ist keineswegs abwertend gemeint.)

  5. richard schreibt:

    Danke für den Beitrag zum „Experiment Postprivacy“.
    Eine Utopie davon zu entwickeln, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen, als gesellschaftliche Selbstverpflichtung eines Priveligierten anzusehen, verdient Respekt – auch wenn mich die Transparenzgebote deiner Vision nicht überzeugen.
    Das, was Du mit der Preisgabe Deiner Daten tust, nenne ich „informationelle Selbstbestimmung“ – denn selbst wenn Du „alles“ schreibst, wonach Du gefragt wirst, bleibst doch Du derjenige, der zumindest darüber entscheidet, wie er es schreibt. Da Du auch das Recht jedes anderen respektierst, selbst darüber zu entscheiden, ob er Dir in Deiner Vision folgt, bist Du gar nicht weit weg von dem, was andere Datenschutz nennen.
    Hmm… irgendwie klingt das schon fast nach Friede, Freude, Eierkuchen… wenn es nicht Staaten, Konzerne und Kraken gäbe, für die das Sammeln meiner, Deiner und andrer Daten nicht nur Sport, sondern Herrschaftsinstrument ist.
    Deine Vision bleibt davon unberührt. Nur sollten nicht Keks mit Käfern verglichen werden. Selbst wenn uns eine transparente Zukunft ohne Privatheit bevorsteht, bleibt im hier und heute die informationelle Selbstbestimmung ein wichtiges Grundrecht.

  6. Pingback: 15. Mai 2012: Netzlektüre « Schichtstufen

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