Der „Postprivacy ist neoliberal“ Mythos

Immer wieder wird der Denkrichtung der Postprivacy vorgeworfen, sie sei „neoliberal“ so zum Beispiel hier in der FAZ. Die Verdatung von Menschen werde nur positiv aufgefasst um sie der „der wirtschaftlichen Effizienzlogik unterwerfbar“ zu machen.

Ausgehend davon, dass eine Denkrichtung hier nicht einfach nur mit einem verbrannten Negativbegriff in Kontext gebracht wird um sie zu diskreditieren ohne sich mit Inhalten auseinandersetzen zu müssen, zeigt sich an dieser Stelle ein ganz interessantes Missverständnis.

Menschen werden als Objekte gesehen, als passiv, als machtlos, im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Akteuren, den Subjekten. Datenschutz wird gesehen als etwas, „was dem Individuum mehr Macht über seine Daten verschafft und die Big-Data-Konzerne am ungestörten Expandieren hindert“.

Die einzig denkbare Macht des Individuums ist in diesem Narrativ die Macht, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen. Macht ist die Macht den Fluss von speziellen Daten zu unterdrücken und unsichtbar zu werden.

In seiner letzten Konsequenz ist dies aber genau die Denkweise, die die angeprangerte Machtposition von „Big-Data-Konzernen“ (auf amerikanischen Servern!!11) zementieren.

Gegenüber ressourcenstarken Unternehmen kann das Individuum kaum bestehen: Schon die Durchsetzung einfacher gesetzlich festgeschriebener Rechte kann sich über Jahre und teure Gerichtsprozesse hinziehen, die dem Unternehmen nicht weh tun können. Unternehmen haben die Ressourcen, aus den ihnen vorliegenden Daten (und seien es nur Kunden- und MItarbeiterdaten) jede Menge Informationen zu extrahieren und auf Basis dieser zu extrapolieren. Daten, auf die nur das Unternehmen selbst zugreifen kann, so dass die Öffentlichkeit, die demokratische Gesellschaft keine Chance hat, sich am Diskurs zu beteiligen und Unternehmen zu kontrollieren (dasselbe gilt für Journalisten).

Wie ich schon hier im Bezug auf das Einkommen darstellte, limitiert Datenschutz oft unsere Fähigkeiten, Ungerechtigkeiten aufzudecken und jenseits von reinen Gefühlsäußerungen kommunizierbar zu machen.

Die Publikation von Daten über sich macht das Individuum verknüpfbar, macht es zu einem sichtbaren Kommunikationspartner für andere Individuen und nur so entstehen Netzwerke, die genug Stärke aufbringen um Themen in der Öffentlichkeit mächtig genug für einen gewissen Einfluss vertreten zu können.

Postprivacy, das bedeutet hier vor allem das bewusste Veröffentlichen personenbezogener Daten über sich selbst (Gehalt, sexuelle Orientierung, usw.), erlaubt es Menschen auf viel breiter Front solidarisch zu sein (nur erlaubt, Solidarität ist kein Automatismus), sich zu organisieren und folglich als kontrollierender und starker Gegenpol zu den ökonomischen Akteuren aufzutreten.

Die Publikation von Daten in nicht-öffenlichen Datensilos, welche oft unter der Kontrolle von irgendwelchen Unternehmen stehen, ist dabei sicherlich weniger zielführend, als eine Publikation ins offene und freie Internet, schon alleine um keine Monopole zu stützen. Doch der oft von Datenschützern geforderte, fast protestantisch-asketische Datengeiz ist noch weniger hilfreich.

Aus diesen kurzen Erläuterungen wird hoffentlich deutlich, dass Postprivacy keineswegs eine neoliberale, marktradikale Position der Machtzementierung weniger Unternehmen darstellt, sondern im Gegenteil die demokratische Kontrolle eben jener Marktteilnehmer durch die Ermöglichung von Vernetzung und Organisation ermöglicht und so das Individuum wieder zum Akteur zu machen versucht.

Advertisements

Über tante

Chimpanzee that!
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Der „Postprivacy ist neoliberal“ Mythos

  1. endolex schreibt:

    Haha: „Doch der oft von Datenschützern geforderte, fast protestantisch-asketische Datengeiz ist noch weniger hilfreich.“ Sehr schön formuliert. Und 100% Zustimmung zu allem gelesenen.

  2. Malte (@DoppelM) schreibt:

    Und ein bißchen falsch liegst du doch. Selbst wenn alle du deine Daten in irgendwelche Tools wirfst: Die Gatekeeper sind die Big-Data-Konzerne. Sie kontrollieren die Apps und Schnittstellen, die deine Daten zugänglich machen. Sie kontrollieren, wer auf wessen Daten zugreifen darf. Hier, um das nochmal zu verdeutlichen http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=-q6aA5qdCzU#t=751s

    • tante schreibt:

      Deshalb sagte ich ja, dass Daten am besten nicht in geschlossenen Datensilos sein sollen. Aber innerhalb Facebooks findbar zu sein, macht immer noch einfacher ankommunizierbar als komplett ohne Kontaktdaten.

  3. Pingback: Der “Postprivacy ist neoliberal” Mythos | tante's blog

  4. structererel schreibt:

    Tolle Argumentation.

    Wir können eh nichts daran ändern, also lieber schauen, dass jeder die Daten hat und nicht einzelne Unternehmen.

    Der eine Satz hätte es auch getan …

    Ich persönlich bin ein großer Freund der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen. Und dazu ist das höchste Schutzrecht nötig da sich der Einzelne ansonsten nicht für Privatsphäre entscheiden kann.

  5. pilpul schreibt:

    hm. Ich versteh deine Intention, aber so richtig schlüssig ist das nicht.

    Die Macht der Big-Data Konzerne liegt ja nicht nur darin die Daten zu besitzen und auf sie zugreifen zu können sondern vor allem darin sie auszuwerten. Was bringen mir die veröffentlichten Steuererklärungen von 100 Post-Privacy Freund_innen wenn die irgendwo in deren Blogs steht. Damit etwas anfangen zu können, sie zu interpretieren und in einen Kontext zu stellen ist extrem aufwendig und für Google und die Schufa wesentlich einfacher als für den_die Einzelne_n (oder von mir aus auch ‚den Schwarm‘).
    Du sagst ja selber, dass da kein Automatismus zu mehr Solidarität besteht (was auch mit der Mangelnden „Verarbeitungsmacht“ zusammenhängt wie ich finde) deswegen versteh ich nicht wie du dem so viel Vertrauensvorschuss geben kannst. Ich würde nämlich sagen, dass der Automatismus in Richtiung Verwertungslogik da nämlich viel eher besteht, dafür wird Big-Data-Daddy schon sorgen 😛

    Und der „lieber Facebook als Datenschutz“ („weniger zielführend als“)-Absatz ist übrigens dieselbe Floskel wie „Post-Privacy ist neoliberal“ 🙂

  6. Ganz meiner Meinung! BRAVO!
    Ich will niemanden zu dieser, meiner Meinung bekehren.
    Aber ICH FÜR MICH – will das so und denke und handele so!
    Und das hat mit „liberal“ / liberal mal NIX zu tun.
    Ich war noch nie liberal / „liberal“ und gedenke es auch nicht mehr zu werden!

  7. Pingback: Postprivacy-Wunderland « sanczny

  8. Ganz banal: Mir fehlt die Berücksichtigung der wirtschaftlichen Macht. Wer kann sich denn das Durchforsten riesiger Datenmengen personell und instrumentell leisten? Moor’s law gilt ja auch für die Erzeugung von Daten. Gerade, wenn der Universalcomputer auf dem Rückzug ist, sind auch die Grenzen einer solidarischen Gruppe schnell erreicht.
    Für die Spackeria bin ich dankbar, vieles ist gut und richtig, aber da ist ein blinder Fleck.
    Oder ich habe es nicht verstanden.

    • tante schreibt:

      Es kann niemand alle notwendige Software schreiben, um so Datensilos zu wälzen, das ist klar. Sowas würde schon zeitlich scheitern. An dieser Stelle sehe ich eine Lücke, die wir durch OpenSource Software, deren Entwicklung auch gerne staatlich gefördert werden soll, schließen können. Die notwendige Hardware und Infrastruktur können wir dann gemeinsam crowdfunden, von NGOs hosten lassen oder ähnliches.

      Was wir wollen ist doch, den Menschen die Macht zu geben, die Daten, die sie miterzeugen, zu nutzen um sich und ihre Umwelt besser zu verstehen und damit gute Entscheidungen zu treffen. Dazu muss nicht jeder und jede eigene Software bauen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s